Freikäufe

Der Notausgang aus der DDR

Über den Freikauf von politischen Häftlingen

Als im Winter 1980 die Flucht gescheitert war, saß Gerd Zimmermann im Fonds eines Geländewagens der bulgarischen Grenztruppen und dachte an die innerdeutsche Politik, an die Geschäfte, die Bundesrepublik und DDR nur im Geheimen abwickelten und von denen er gar nichts wissen sollte. Aber weil er davon wusste, hatte er nun diese Hoffnung: die Bundesregierung könnte ihn aus dem ostdeutschen Gefängnis freikaufen.

Es war Zimmermanns Plan B.

Ein Handel, der bald nach dem Mauerbau und bis 1989 insgesamt 33.755 politische Häftlinge aus ostdeutschen Gefängnissen befreite und für den die Bundesrepublik drei Milliarden D-Mark an die DDR zahlte. Eine weitere halbe Milliarde D-Mark wurde in dieser Zeit für 215.000 DDR-Bürger gezahlt, die in Westdeutschland mit ihren Familien zusammengebracht wurden.

Freigekaufte Häftlinge, Entlassungsgebiet und Gegenleistungen der Bundesregierung

Jahr Gesamt laut DDR *1 Gesamt laut Bundes­regierung *2 davon entlassen in den Westen davon entlassen in den Osten Anteil Ent­lassungen in die DDR in % Beträge in DM (Häftlinge und Familien­zusammen­führungen *3
1963 8 8 4 4 50,0 205 000,00
1964 884 888 500 388 43,6 37 918 901,16
1965 1 555 1 541 635 906 58,7 67 667 898,52
1966 407 424 288 136 32,0 24 805 316,38
1967 554 531 335 196 36,9 31 482 433,19
1968 693 696 479 217 31,1 28 435 444,15
1969 880 927 609 318 34,3 44 873875,05
1970 888 888 592 296 33,3 50 589 774,55
1971 1 375 1 375 981 394 28,6 84 223 481,52
1972 731 731 597 134 18,3 69 457 704,26
1973 631 631 578 53 8,3 54 028 288,39
1974 1 053 1 053 962 91 8,6 88 147 719,74
1975 1 158 1 158 1 124 34 2,9 104 012 504,93
1976 1 439 1 439 1 364 75 5,2 130 003 535,00
1977 1 475 1 475 1 377 98 6,6 143 997 942,27
1978 1 452 1 452 1 374 78 5,3 168 363 141,86
1979 890 890 838 52 5,8 106 986 866,24
1980 1 036 1 036 947 89 8,5 130 015 131,77
1981 1 584 1 584 1 451 133 8,3 178 987 210,84
1982 1 491 1 491 1 379 112 7,5 176 999 590,94
1983 1 105 1 105 1 036 69 6,2 102 811 953,50
1984 2 236 2 236 2 135 101 4,5 387 997 305,12
1985 2 669 2 669 2 518 151 5,6 301 995 568,10
1986 1 450 1 450 1 371 79 5,4 195 009 307,73
1987 1 209 1 209 1 132 77 6,3 162 997 921,59
1988 1 048 1 048 1 032 16 1,5 232 096 191,43
1989 1 775 1 840 1 757 83 4,5 332 895 746,89
Summen 31 676 31 775 27 395 4 380 Ø 17,3 3 437 005 755,12
*1) Tabelle »Zahlungen der Bundesregierung über die Kanäle der Evangelischen Kirche«, beruhend auf Vogels Büroakten; Whitney: Advocatus Diaboli, S. 400. Die Differenz zu den Angaben der Bundesregierung beruht wahrscheinlich auf unterschiedlicher Zählung.
*2) Tabelle »H-Aktionen 1963 bis 1989«; BArch-B, B 137/36058.
*3) Geißel: Unterhändler, S. 475. Die Höhe des Barzahlung im Jahr 1963 entstammt dem Vermerk Rehlingers, Nov. 1968; BArch-K, B 137/19980, Bl. 48 (AS- DzD). Der Zahlbetrag für 1989 enthält eine erst 1990 geflossene Tranche. Es entfielen schätzungsweise ca. 3 Mrd. DM auf den Häftlingsfreikauf, die restlichen 0,4 Mrd. DM auf die Familienzusammenführung.

Anhang zur Tabelle Freigekaufte Häftlinge, Entlassungsgebiet und Gegenleistungen der Bundesregierung

Jahr Gesamt laut DDR *4 Gesamt laut Bundes­regierung *5 davon entlassen in den Westen
Amnestie 1972 2 087 2 087 2 087 *6
Zwischensumme 33 763 33 862 29 482
Betrugsfälle ca. 400 ca. 400
Schätzungsweise freigekauft ca. 33 000 ca. 33 000
4) Tabelle »Zahlungen der Bundesregierung über die Kanäle der Evangelischen Kirche«, beruhend auf Vogels Büroakten; Whitney: Advocatus Diaboli, S. 400. Die Differenz zu den Angaben der Bundesregierung beruht wahrscheinlich auf unterschiedlicher Zählung.
5) Tabelle »H-Aktionen 1963 bis 1989«; BArch-B, B 137/36058.
6) Nicht berücksichtigt sind die 1987 und 1989 amnestierten und in den Westen ausgereisten Häftlinge, da aus den verfügbaren Unterlagen nicht hervorgeht, ob die Bundesregierung eine Gegenleistung dafür erbrachte.

Entlassungen West und Ost im Zeitraum 1963–1969/72

Zeitraum Gesamt (Vogel) Gesamt (BReg.) Westen Osten Verhältnis
West : Ost
1963 – 1969 4 981 5 015 2 850 2 165 56,8 : 43,2
1963 – 1972 7 975 8 009 5 020 2 989 62,4 : 37,3

Warenpalette der B-Geschäfte 1964–1976 (Warenwert in Mio. DM)

Ware Form 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 1973 1974 1975 1976
Erdöl T 16,9 a) 18,3 8,0 11,5 24,0 32,1
Diamanten T 11,8 7,0 7,7 22,0 10,1 4,5 8,0 12,0 10,5
Kupfer U b) 2,8* 2,0* 25,0* 4,0 9,8 19,0* 20,3 12,0 6,0 40,2 24,5 49,1
Silber U 4,3 6,0 4,0 6,0 8,0 4,6 14,0 20,0 30,0 30,1
Quecksilber T 2,7 3,5 5,0 2,0 4,6 1,5 2,5 7,5 8,1
Silbernitrat U 5,0 1,0 7,0
Zinn U 3,0 4,0 11,0 4,9 4,0 6,0
Rhodium U 1,0 1,0 0,5 3,5
Palladium U 1,0 2,0 1,5 4,5 2,5
Stahl- und NE-Metallerzeugnisse U 34,1 7,1 11,2
Kautschuk T 7,1 5,1 5,0
andere Rohstoffe c) 3,5 7,3 15,1 5,2 12,0 6,9 2,0 6,0
Mais U 2,7
Kaffee T 8,5
Kakaobohnen T 1,3 10,0
Butter U 13,9
Speiseöle T 2,2 2,3
Summe 37,9 67,7 24,8 31,5 28,4 44,9 50,7 84,2 69,5 54,0 88,1 104,0 129,9
Die Daten entstammen Volze: Bananenlegende, S. 65. Da ab 1977 die gelieferten bzw. als Äquivalent bereitgestellten Waren generell umgehend in Devisen gewandelt wurden, ist auf eine Auflistung über das Jahr 1976 hinaus verzichtet worden.
Quellen: Unterlagen des Diakonischen Werkes Stuttgart; eigene Berechnungen Volzes. Differenzen können sich aus Rundungen und nichterwähnten Kleinpartien ergeben. U bedeutet Warenbegleitschein, T steht für Transitware.

a) davon 2,9 Heizöl T und 4,0 Gasöl U.
b) Kupfer wurde teilweise als Transitware bereitgestellt, dann mit * gekennzeichnet. Ab 1979 wurde Kupfer nur noch in Form einer Transitware überlassen.
c) es wurden geliefert:
1964 Kadmium 1,0 U, Aktivruß 1,0 U/T und kleinere Partien Quecksilber, Stickstoff und Rutilsand
1965 Molybdän 6,0 U und Wolle 1,3 U
1966 Molybdän 10,0 U, Wolfram 2,6 U, Cordseide 2,0 U und Kabel 0,5 U
1967 Rohasbest 1,8 T, Pergamentersatzpapier 1,2 T, Weißblech 1,0 U, Fichtenzellulose 0,7 U und Rutilsand 0,5 U
1968 Phosphatdüngemittel 12,0 U
1969 Rohasbest 6,2 U und Weißblech 0,7 U
1970 Phenol 2,0 T
1972 Pflanzenschutzmittel 4,5 U und Farbstoffe 1,5 U

„Dahinter steht der Gedanke, dass der Mensch dem Staat gehört“, sagt Jan Philipp Wölbern, der seine Doktorarbeit für das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung über den Häftlingsfreikauf aus der DDR geschrieben hat. „Wenn man sich nur die Seite der DDR ansieht, dann war das ganz harter Menschenhandel.“

„Zu den Häftlingen: Wer sich strafbar gemacht hat, ist abzuurteilen und hat die Haftstrafe anzutreten. Und jetzt frage ich euch: Was soll der denn hier sitzen, und frisst hier bei uns! Warum sollen wir den nicht wegjagen? Das kann ich euch sagen: Weil ich ökonomisch denke für unsere Republik, Mensch! Ja, wir lassen sie sitzen, wenn es notwendig ist. Aber andererseits sind wir natürlich keine Dummköpfe und lassen unsere Gefängnisse voll mit irgendwelchen Schmarotzern, die wir sowieso nicht brauchen. Da sitzen ja zigtausende Kriminelle drin.“
Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit der DDR

DDR leugnete politische Gefangene

Zimmermann sollte von diesen Geschäften nicht wissen, wie kein DDR-Bürger davon erfahren sollte und auch niemand im Westen. Die ostdeutsche Regierung bestritt schließlich, dass es überhaupt politische Gefangene gebe. Als Mitglied der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) hatte sie zudem unterzeichnet, die Menschenrechte zu achten. Dieser Schein sollte gewahrt werden. Über politische Häftlinge wurde wie über Agenten nur im Verborgenen verhandelt. Natürlich auch, weil die DDR fürchtete, ihre Bürger könnten den Freikauf als Möglichkeit erkennen, das Land zu verlassen.

So, wie Gerd Zimmermann. Sein Plan A, die Flucht aus der DDR über Bulgarien und durch die Rhodopen nach Griechenland, platzte, als bulgarische Grenzer eine Maschinengewehrsalve in den Schnee vor Zimmermann und seinen Fluchtkumpan schossen. Von ihrem Posten hatten sie die zwei Flüchtlinge schon von weitem beobachtet, wie sie einem Gebirgsbach Richtung Süden folgten. Das Sperrfeuer stoppte die Flucht. Augenblicke später wurden die beiden Männer zu Boden gedrückt, verhaftet und in einen Geländewagen verladen.

Zimmermann wusste, was sie nun erwartete. Sie würden an die DDR ausgeliefert und dort verurteilt. Er war einmal im Gerichtssaal dabei, als das Urteil über einen Freund gesprochen wurde, der auch die Flucht versucht hatte und gescheitert war. Später meldete sich dieser Freund bei ihm aus dem Westen. Sie trafen sich in Prag und der Freund berichtete, wie er aus seiner Gefängniszelle geholt und nach Westdeutschland gebracht wurde. Die DDR hatte ihn verkauft, die Bundesrepublik für ihn gezahlt.

Erste Freikäufe im Jahr 1963 ein „Versuchsballon“

Diese Möglichkeit hatte Zimmermann fortan im Hinterkopf, wenn er sich um seine Flucht Gedanken machte. Drei Möglichkeiten habe es gegeben, sagt er: Sie würden den Westen erreichen und ein neues Leben beginnen. Sie würden an der Grenze erschossen, was er schnell verdrängte. Oder sie würden festgenommen und verurteilt.

Aber weil die Bundesrepublik politische Häftlinge aus der DDR freikaufte, hatte das Gefängnis einen Notausgang. Im Fonds des Geländewagens hoffte Zimmermann nun, er würde zu einer Ware im Menschenhandel zwischen den deutschen Staaten werden. Die DDR sollte ihn zum Kauf anbieten: „In den Verhören habe ich von Anfang an den Unverbesserlichen gegeben“, sagt Zimmermann. „Ich habe zu Protokoll gegeben: Ich bereue nichts. Ich würde das immer wieder machen. Ich will für immer weg. Nicht, dass die auf die Idee kommen, mich wieder eingliedern zu wollen.“

Nachdem zuvor schon Privatleute und die Kirchen vereinzelt politische Gefangene ausgelöst hatten, unterbreitete die DDR der Bundesregierung erstmals 1963 das Angebot, Inhaftierte zu verkaufen. Ein Jahr früher hatte die DDR im Westen vertraulich um einen Kredit von mehr als drei Milliarden D-Mark gebeten, der in Kohle, Maschinen und Lebensmitteln ausgezahlt werden sollte. Der Wunsch wurde nicht ausgeschlagen, aber von der Bundesregierung mit politisch derart hohen Forderungen verbunden, dass ein Abschluss des Geschäfts scheitern musste.

Den Handel von Häftlingen trugen schließlich zwei Anwälte, Jürgen Stange aus West-Berlin und Wolfgang Vogel im Auftrag der DDR-Führung, an die Bundesregierung heran. Diskutiert wurde der Verkauf von 1000 politischen Gefangenen. Letztlich wurden acht ausgesucht, die aus der Haft entlassen wurden – drei in den Westen, fünf zunächst in den Osten, was zu Beginn der Freikäufe durchaus noch üblich war. Die Bundesrepublik zahlte für jeden von ihnen bis zu 50.000 D-Mark, insgesamt 205.000 D-Mark.

„Unsere Motive waren und sind, den zu Unrecht in der DDR verurteilten Personen aus menschlichen Gründen zu helfen. Daneben wiegt auch ein politischer Aspekt. Auf die Höhe der Geldsumme dürfte es dabei grundsätzlich nicht ankommen. Die kommunistischen Funktionäre können sich noch so dilettantisch gebärden, der Vorgang klassifiziert das System als unmenschnlich.“
Ludwig Rehlinger, von 1957 bis 1969 Ministerialbeamter im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen

Ludwig Rehlinger, damals Ministerialbeamter im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, nannte diesen ersten Handel mit dem Klassenfeind später einen „Versuchsballon“. Man unterhielt mit der DDR seinerzeit noch keine offiziellen Beziehungen. Und man war unsicher, was schwerer wiegt: politische Inhaftierte befreien oder mit den Vertretern eines Staates zusammenzuarbeiten, den man weder anerkennen noch mit Devisen, Kohle, Maschinen oder Lebensmitteln unterstützen wollte. Letztlich wollte die Bundesregierung in einem Vierteljahrhundert des Freikaufs all die Jahre – auch sich selbst – „zeigen, dass man zu den Guten gehört“, sagt Wölbern. Für die DDR „gaben zweifellos die ökonomischen Vorteile den Ausschlag.“ Auch dafür, den Handel voranzutreiben.

Schon 1964 vereinbarten die Bundesrepublik und DDR einen festen Preis je Freigekauftem: 40.000 D-Mark. Bald wurde eine Preisliste aufgestellt: halber Satz 20.000, einfacher Satz 40.000 D-Mark, den doppelten Satz für Ärzte oder Ingenieure, bis zu 200.000 für sogenannte Sonderaktionen. Die Händler schacherten um Preise und Kriterien. Im Westen wollte man sich auf die noch abzusitzende Reststrafe des politischen Häftlings beschränken – je kürzer desto günstiger die Devise. Der DDR waren Jugend und gute Ausbildung wichtig und teuer.

Das Abrechnungssystem der Häftlingsfreikäufe

0 = Keine Bewertung
F = Gegenwert einer Familienzusammenführung ≙ 11 000 DM
xO = Halber Satz ≙ 20 000 DM
x = Einfacher Satz ≙ 40 000 DM
xx = Doppelter Satz ≙ 80 000 DM

Interne "Symbole" zur Kennzeichnung der vereinbarten Summe.

Kaum schriftliche Dokumente über Freikäufe

1970, erzählt Wölbern, hätte die DDR für die Freikäufe zehn Millionen D-Mark mehr errechnet als die Bundesrepublik. Man traf sich in der Mitte, beide Seiten wahrten ihr Gesicht. 1977 einigte man sich auf eine pauschale Summe von 95.847 Mark je Häftling – ein krummer Betrag, der die Kopfpauschale für den Menschenhandel verschleiern sollte und bis zum Ende der DDR galt. Der Warentransfer wurde über die Kirchen organisiert.

Es gebe kaum Dokumente darüber, wie diese Entscheidungen im SED-Politbüro in Ost-Berlin getroffen wurden, sagt Wölbern. Der Staat, der möglichst alles überwachte und aufschrieb, führte nicht Buch über seine Geschäfte mit dem Westen, über seinen Verstoß gegen den eigenen Grundsatz, das „bessere Deutschland“ sein zu wollen. Was es schriftlich gab, wurde wohl zur Wendezeit schleunig vernichtet. Auch die Bundesregierung war stets um Vertraulichkeit bemüht, um nicht weitere Handel zu gefährden. Selbst schwarze Kassen wurden geschaffen, damit die Geschäfte verborgen blieben – und die DDR in den Verhandlungen keine Hinweise auf das bereitgestellte Budget der Bundesregierung hatte. Über die westdeutschen Medien aber trug sich das Wissen über die Freikäufe auch in die DDR – und über Menschen wie den freigekauften Freund von Gerd Zimmermann, die den alten Bekannten im Osten davon erzählten.

Detlef Hubertus Peuker hörte in den 1970er Jahren im Gefängnis Rummelsburg von den Freikäufen. Wegen Republikflucht und staatsfeindlichen Menschenhandels war er zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nach und nach wurden Peukers Mithäftlinge aus ihren Zellen geholt. Peuker erkannte ein Muster: nach etwa zwei Dritteln ihrer Haftzeit wurden politische Gefangene entlassen. Dass sie an den Westen verkauft wurden, sprach sich im Knast herum. Und Peuker ahnte, dass sie auch ihn gehen lassen würden. Tatsächlich machten die Wärter irgendwann kleine Anmerkungen, die ihm Hoffnung machten, und schlossen nach gut drei Jahren seine Zellentür auf. Peuker wurde verlegt. Und alle seine neuen Mithäftlinge hatten, wie er, zwei Drittel ihrer Haftstrafe abgesessen.

Niemand sagte ihnen, wo sie waren und wie lange sie dort bleiben würden. „Wir haben zehn Tage lang nur verharrt“, sagt Peuker. „Das war zäh. Jede Übernachtung war nochmal sehr lang.“ Die Ungewissheit bereitete ihm Stress. Peuker fühlte sich krank. Die letzten Tage schienen wie Wochen, die letzten Stunden wie Tage und die Gedanken waren wirr wie zu Beginn der Haft, als er nicht wusste, was ihn erwartete.

Maskerade mit James-Bond-Methoden

Schließlich setzten ihn die Wärter in einen von zwei wartenden Bussen im Gefängnishof. Rechtsanwalt Vogel stieg zu, als alle Häftlinge Platz genommen hatten. „Vogel verkaufte uns die Freilassung als Gnadenakt“, sagt Peuker. Deshalb sollten sie ihre Freude zurückhalten, sagte Vogel, und im Westen nicht über den Freikauf sprechen. Der Rechtsanwalt stieg wieder aus. Dann fuhr der Bus nach Westdeutschland ohne an der Grenze zu halten.

Auch Gerd Zimmermann wurde in einen dieser Busse gesetzt. Nach zwei Jahren im Gefängnis und drei Monaten bevor er seine Strafe abgesessen hatte. Die Hoffnung, die er in Bulgarien im Fonds des Geländewagens der Grenztruppen hatte, erfüllte sich. Rechtsanwalt Vogel stieg zu, belehrte die Noch-Häftlinge, still zu bleiben und drohte: „Der Bus kann ganz schnell wieder umkehren.“ Zimmermann sagt: „Ich traute mich gar nicht zu grinsen.“

An der Grenze zur Bundesrepublik sah er, wie sich am Gefangenen-Bus das Nummernschild drehte. Aus dem Ost-Berliner Kennzeichen wurde ein westdeutsches: KS für Kassel. „Ich dachte“, erzählt Zimmermann, „jetzt habe ich entweder den Verstand verloren oder die sind noch cleverer als ich dachte.“

Der Busfahrer musste dazu nur einen Knopf am Scheibenwischerhebel drücken, sagt Wölbern: „James-Bond-mäßig – aber das Wichtigste war, dass der Fahrer verschwiegen war.“