UNTER BUNTEN LEUTEN Nur raus hier!

In Gesellschaft der Punks von Magdeburg fühlt sich Anne Hahn wohl. Ärger mit der Staatsmacht ist beinahe unausweichlich. Als sich die Lage zuspitzt, bricht sie auf zur aserbaidschanisch-iranischen Grenze.

Nach der Aktenlage der Stasi bin ich gleichzeitig Opfer und Täter. Ich habe versucht, aus der DDR zu fliehen und landete im Knast. Davon berichten drei dicke Ordner mit Verhören, Zeugenaussagen und einem Urteil. Andererseits gibt es eine Akte, die mich als „IM-Vorlauf“ bezeichnet, als angehende Inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit. Die Wahrheit liegt woanders.

Ich habe Krankenschwester gelernt, mich dann aber für den Kulturbereich entschieden. Ich arbeitete für das „Kulturkabinett“ Magdeburg Nord, eine Institution der städtischen Verwaltung, engagierte mich für Außenseiter, organisierte Konzerte. Besonders die Punks wurden meine Freunde. Ich war Anfang 20, mochte ihre Musik, ihre Kleidung, die ganze Szene. Selbst hatte ich zwar keinen Irokesenschnitt, aber ich habe mich mit der Zeit etwas weniger gepflegt und trug die Haare immer strubbliger. Für meine Mutter war das ein Albtraum.

„Auf der Straße wurden wir massiv angefeindet.“

Mit einer eigenen Wohnung war ich für die gleichaltrigen Punks und viele jüngere eine Anlaufstelle. Ich selber würde sagen: Ich gehörte zum Kreis der „bunten Leute“ in Magdeburg. Auf der Straße wurden wir massiv angefeindet. Mich hat einmal eine Frau in der Straßenbahn geschlagen, weil ich eine rot-lila gestreifte Hose, ein Zeitungsjungen-Käppi und einen langen schwarzen Mantel trug. Der Aufzug provozierte sie so sehr, dass sie auf mich losging, mir die Mütze vom Kopf riss und auf mich einschlug.

Karriere oder Freunde?

Eines Nachmittags, wir tranken Wermut in einem Café und hörten Musik auf einem mitgebrachten Kassettenrekorder, fühlten sich einige Damen bei ihrem Kaffeekränzchen gestört. Sie riefen die Polizei. Keine fünf Minuten später stürmte eine Staffel rein und nahm uns alle fest. Als wir abgeführt wurden, sahen wir, dass die Polizisten ihre Wagen schräg auf den Bürgersteig abgestellt hatten. Wie in einem der amerikanischen Krimis, die ein-, zweimal im Jahr in den Kinos liefen, um den DDR-Bürgern die gewaltsamen Auswüchse des Kapitalismus vor Augen zu führen. Eine Freundin und ich fanden das komisch. Wir lachten. Wir hatten doch nur nachmittags im Café ein bisschen Likör getrunken und Musik gehört!

Bei der anschließenden Überprüfung der Personalien gaben meine Freunde freche Antworten. Beruf? „Arbeitslos“, obwohl es in der DDR ja von Staats wegen keine Arbeitslosen gab. Beruf? „Statist beim Fernsehen der DDR“. Als die Polizisten herausfanden, dass ich dem Kulturkabinett angehörte, ahnte ich, dass nun alles anders werden würde.

Am nächsten Tag erwartete mich bei der Arbeit eine vom Stadtrat einberufene Verhandlung. Ich bekam einen Verweis und sollte mich offiziell gegen meine Freunde stellen. Ein Tag Bedenkzeit. Andernfalls würde ich meinen Studienplatz für Kulturwissenschaften in Berlin verlieren, der mir kurz zuvor zugesagt worden war. Am meisten hatte die Polizisten offenbar mein Lachen aufgeregt.

Ich musste mich entscheiden: meine Karriere oder meine Freunde? Ich hätte die Menschen verleugnen müssen, die mir neben meinen Eltern am wichtigsten waren. Zu dieser Zeit habe ich viel die slowenische Band „Laibach“ gehört. „Schwarz und weiß ist kein Beweis“ lautet einer ihrer Liedzeilen. So habe ich auch empfunden. Am nächsten Tag ging ich zu meinen Vorgesetzten und sagte ihnen, dass ich mich nicht distanzieren würde.

Sie kündigten mir sofort. Ich musste meine Sachen packen und stand vor dem Nichts. Ich lebte im Ausnahmezustand, hielt mich mit dem Nähen von Kleidung über Wasser – und wollte nur noch weg

„Zwei Herren in langen Mänteln, die eines Tages an meine Wohnungstür klopften.“

Die Stasi lockt

Wenig später trat die Stasi in mein Leben. Zwei Herren in langen Mänteln, die eines Tages an meine Wohnungstür klopften. Sie lockten mich mit Versprechungen, mit einem neuen Studienplatz und drohten mit beruflichen Einschränkungen für meinen Vater. Er hatte in einem Baukombinat Karriere gemacht, ohne in der Partei zu sein. Wir sollten uns treffen, ein paar Mal nur, es würde sich für mich lohnen.

Aus dieser Zeit stammt meine „Täterakte“. Sie ist nur einen halben Zentimeter dick, doch sie existiert. In dieser Akte stehen meine Treffen mit der Stasi, fein säuberlich protokolliert. Warum sich die Stasi für mich interessierte? Ich war noch immer die „Punk-Mutter“ von Magdeburg. Ich kannte viele für sie interessante Leute und in meiner Wohnung fanden einige Partys statt. Sie wollten genau wissen, wer dort ein- und ausging. Sie bauten Druck auf, drohten mir. Heute weiß ich, dass ein klares Nein beim ersten Anwerbungsversuch wahrscheinlich ausgereicht hätte, um nicht mehr kontaktiert zu werden. Stattdessen suchte ich Ausflüchte, versäumte Treffen oder erzählte, dass wir alle nur saufen würden.

Mein Freund hatte gerade seine Ausreise nach West-Berlin bewilligt bekommen und ich wollte ihm so schnell wie möglich folgen. Ich fuhr nach Ost-Berlin, alleine, verzweifelt. Mein Studienplatz war weg, mein Freund auch, und ewig konnte ich vom Nähen nicht weiterleben. Ich telefonierte mit meinem Freund, der wenige Kilometer entfernt lebte und mir dennoch nicht helfen konnte. Was dann passierte, begreife ich bis heute nicht. Ich war so naiv. Ich stand heulend an der Zelle, als mich ein Mann ansprach. „Wein doch nicht, meine Hübsche, was ist denn los? Lass uns ein Bier trinken gehen“, säuselte er, und ich ging mit. Der Mann hörte sich meine Geschichte an, die ich ihm unter Tränen erzählte. Wir tranken ein Bier, noch ein Bier. Was für ein glücklicher Zufall, sagte er schließlich. Er arbeite nämlich für eine Fluchthilfeorganisation.

Ich stieg mit ihm in den nächsten Zug nach Dresden, wo er mich in einer Einraumwohnung einquartierte. Heute weiß ich, dass es sich um eine Kontaktwohnung der Stasi handelte. Er müsse noch dies und das erledigen, ich solle mich ruhig verhalten. Doch irgendwann fragte ich mich: Was machst du denn hier um Gottes Willen? Bei einem Besuch in einem Eiscafé bin ich unter einem Vorwand aufgestanden und durch den Hinterausgang getürmt.

Zurück in Magdeburg nahm man mir meinen Pass ab. Ich hatte den angeblichen Fluchthelfer bei der Polizei angezeigt, weil mir war klar, dass die Stasi mich kriminalisieren wollte. Ich bekam den Ersatzausweis PM12, mit dem ich die Stadt nicht mehr verlassen durfte, und die Auflage, bei der „Aufklärung von Straftaten“ mitzuarbeiten. Ich saß in der Falle.

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Die Entscheidung, abzuhauen, kostete mich Kraft. Ich habe viel geweint und zu viel getrunken. Ich kam nicht damit klar, meine Mutter, zu der ich eine sehr innige Beziehung hatte, für immer verlassen zu müssen. Ich hatte viele Abschiede erlebt. Viele meiner Freunde stellten in diesen Jahren Ausreiseanträge. Alle paar Monate durfte einer gehen, den wir unter Tränen zum Bahnhof brachten. Und dann wurde drei Wochen wieder nur gesoffen. Ich habe es jedes Mal gehasst, sie zu verlieren.

In dieser Zeit bestellte mich immer wieder die Polizei zum Verhör ein. Wir waren stets verdächtig, wenn irgendwo etwas passiert war. Wenn einer an irgendeine Wand „Die Mauer muss weg“ gesprüht hatte, mussten wir auf dem Revier Schriftproben abgeben. „Der Maurer muss weg aus dem Betrieb“, forderten sie uns dann auf zu schreiben. Es war lachhaft, jedenfalls ein bisschen.

Die Stasi setzte mich immer mehr unter Druck, für sie zu arbeiten. Die Zeit drängte. Ich musste sofort raus aus allem.

„Dann eben Asserbaidschan“

Meine Chance kam, nachdem eine Freundin meinem Kumpel Matthias und mir Gutscheine für eine Gruppenreise nach Leningrad besorgt hatte. Die Reise wurde abgesagt, woraufhin wir uns in einem Reisebüro ein Ersatzziel aussuchen durften. Ich stand vor einer großen Landkarte und puzzelte mir eine Fluchtroute zusammen, während wir so taten, als könnten wir uns nicht entscheiden. Eigentlich wollten wir in die Türkei, die an Georgien grenzt und an Armenien. Doch in Georgien tobten Unruhen, und in Armenien hatte es ein Erdbeben gegeben. Unser Blick fiel auf Aserbaidschan – und die Grenze zum Iran. „Dann eben Aserbaidschan“, dachte ich.

Mit unserem Gutschein buchten wir 14 Tage Urlaub in Baku am Kaspischen Meer, in einer Hotelanlage, in der hauptsächlich frisch verheiratete Paare ihre Flitterwochen verbrachten. In Baku angekommen, kauften wir uns eine Landkarte in einem kleineren Maßstab, checkten ins Hotel ein und versuchten, nicht aufzufallen. Drei Tage vor dem Rückflug setzten wir uns ab und fuhren mit dem Nachtzug nach Mindschiwan, ein Grenzort, den wir auf der Karte als geeigneten Ausgangspunkt für unsere Flucht ausgemacht hatten.

„In den Bergen am Rande der Stadt versteckten wir unser Gepäck und warteten in einer Felsspalte auf die Dunkelheit.“

Tauchten Kontrolleure in unserem Waggon auf, improvisierte ich und erzählte jedes Mal eine andere Geschichte. Wenn sie Ausweise sehen wollten, legten wir unsere DDR-Sozialversicherungsausweise vor, die waren grün und sahen aus wie ein Pass. Ich wusste von früheren organisierten Reisen in die Sowjetunion während meiner Fachschulzeit, dass gestempelte Dokumente einen Eindruck hinterließen. „Propusk“, murmelte ich, wenn ich den Ausweis hinhielt. Das russische Wort für „Erlaubnis“.

Am nächsten Morgen stiegen wir in Mindschiwan aus, es war heiß, ein winziger Bahnhof, vor uns ein paar niedrige Häuser, eine Teestube, hinter uns die Grenzanlage aus unzähligen Zäunen und Stacheldrähten.

In den Bergen am Rande der Stadt versteckten wir unser Gepäck und warteten in einer Felsspalte auf die Dunkelheit. Unser Plan war es, den Grenzfluss Aras zu durchschwimmen. Was wir nicht gewusst hatten: Im Frühling schwillt er zu einem mächtigen Strom an, gespeist vom Schmelzwasser aus den Bergen.

Drähte im Grenzstreifen

In der Nacht unserer Flucht waren wir hellwach. Wir krochen aus unserem Versteck und schlichen zum Bahnhof zurück, teilweise robbten wir, ein Hund bellte, wir rannten los und standen vor der hell erleuchteten Grenzanlage. Ein fürchterlicher Anblick. Wir waren so voller Adrenalin, dass wir in kurzer Zeit ohne Hilfsmittel über die ersten drei Zäune kletterten. Zwischen den Zäunen verlief ein geharkter Streifen Erde, auf dem wir, ohne es zu bemerken, einen Signaldraht berührt hatten. Matthias zog mit bloßen Händen den Stacheldraht auf, wir quetschten uns durch. Erst als wir die Leuchtraketen am Nachthimmel sahen, wussten wir, dass die Grenzer uns bemerkt hatten.

Die DDR war Tausende von Kilometern entfernt und doch auf einmal so nah, irgendwo an der aserbeidschanisch-iranischen Grenze, am Ende der Welt. Matthias und ich hingen im Stacheldrahtgestrüpp und vor uns hechelte ein Schäferhund, der uns mit großen Augen anguckte. Unsere Reise war vorbei.

Bewaffnete Soldaten fesselten uns. Als sie uns abführten, merkte ich, wie alle Kraft aus mir wich.

Zwei Tage lang wurden wir vernommen, dann kam die Order, dass wir mit der Reisegruppe zurückfliegen sollten, mit der wir nach Baku gekommen waren. Offiziere brachten uns von Mindschiwan in die Hauptstadt. Im Flieger saßen vor uns verliebte Pärchen aus Magdeburg. Sie drehten sich immer wieder um und starrten uns durch die Sitzspalten hindurch an. Die Offiziere hatten uns eine Flasche Sekt und ein Fladenbrot in die Hand gedrückt. „Damit ihr das durchsteht.“ Ziemlich nett. Wir scherzten sogar, angetrunken und übermüdet, wie wir waren, aber innerlich waren wir am Ende.

Nach unserer Landung in Berlin brachte man uns in die Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen, wo uns die Stasi knapp drei Monate lang verhörte. Anschließend wurden wir nach Magdeburg verlegt. Dort fand unser Prozess statt. Er dauerte einen Tag und zog wie ein Film an mir vorüber. Alles wirkte inszeniert. Meine Strafe: ein Jahr und zehn Monate. Ich hatte mit mehr gerechnet.

Ich weiß, dass es seltsam klingt, aber insgesamt hatte ich Glück. Ich hatte kein Kind draußen, keinen Liebsten, der auf mich wartete, ich war für niemanden verantwortlich. Und ich traf Menschen, die mir wichtig wurden. Ich fand zu mir selbst zurück, las Bücher – und eckte immer wieder an. Ich stellte mich beim Nähen absichtlich dumm an oder verweigerte mit anderen Häftlingen die Arbeit. Dafür wurde ich mit den Kriminellen zum Dienst eingeteilt, was ich nicht als Strafe empfand.

Meine Mutter erlebte in dieser Zeit eine erstaunliche Wandlung. Nach meiner Verhaftung ist sie, die eigentlich unpolitisch gewesen war, ins Neue Forum eingetreten und nahm an vielen Demonstrationen teil.

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Entlassen wurde ich am 17. November 1989. Das Warten war am schlimmsten. ‚Jetzt kann jeder Trottel rübergehen’, dachte ich, ‚und ich sitze hier immer noch fest.’ Trotz des Mauerfalls wusste ich nicht sofort, dass ich freikommen würde. Ich fühlte mich wie eine Maus unter tausend anderen Mäusen in einem riesigen Waschkessel, in dem irgendwo ein Loch ist. Wo war dieses Loch? Seltsam war, dass ich nicht mehr Wut spürte. Es gab nur einzelne Momente, die mich maßlos ärgerten, etwa, als der Gefängnisarzt bei der Abschlussuntersuchung sagte: „Na dann, alles Gute, und vielleicht treffen wir uns ja mal in Hof beim Einkaufen". Hof war die nächstgelegene Stadt im Westen. Er merkte nicht mal, wie verrückt das war.

Heute, 25 Jahre später, bin ich zur Ruhe gekommen, was die DDR und meine Haft betrifft. Nach meiner Entlassung studierte ich in Berlin Kunstgeschichte, Germanistik und Geschichte. Seit 1999 schreibe ich journalistische Texte, Romane, Sachbücher. Leben kann ich davon nicht. Ich betreibe zusätzlich einen Online-Buchladen. So habe ich den ganzen Tag mit Büchern zu tun.

Als mein Sohn noch ein kleiner Junge war, fragte er mich oft, in welche Richtung ich denn abgehauen sei, von Ost nach West oder umgekehrt? Einem Freund erzählte er einmal, ich sei gar keine richtige Deutsche. Als ich ihn fragte, was er damit meine, sagte er: „Na, du kommst doch aus diesem anderen Land."

Was mich heute stört, ist der westdeutsche Blick auf die Geschichte, der nur schwarz oder weiß zu kennen scheint. Dieses Täter-Opfer-Denken halte ich für falsch. Die Täter müssen wir verachten, die Opfer streicheln. Damit wird man weder den einen noch den anderen gerecht. Meine Geschichte zeigt, wie schnell man beides werden konnte.

Anne Hahn, 1966 in Magdeburg geboren, studierte nach der Wende in Berlin Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik. Ihre Erlebnisse in der DDR verarbeitete sie in Romanen, der Aufarbeitung von subkulturellen Strömungen in der DDR widmete sie mehrere Sachbücher. Sie lebt in Berlin. 1994 bekam sie nach einjähriger Wartezeit das erste Mal ihre Akten zu Gesicht.