DER ABSPRUNG Nur raus hier!

In einem Taxi setzt sich der Nordische Kombinierer Claus Tuchscherer während der Olympischen Winterspiele in Innsbruck ab. Um sich seiner Familie zu erklären, reist er mit seiner Freundin noch einmal in die DDR zurück. Was nun geschieht, sorgt international für Schlagzeilen.

Unsere Aufgabe bestand darin, sagte der Mannschaftsarzt, unsere Körper auszubeuten und unsere Hirne auszuschalten. Vier Jahre lang, die Zeit zwischen zwei Olympischen Spielen, hatten wir uns so zu belasten, so auszureizen, dass wir bei Olympia Gold gewannen. Oder wenigstens eine Medaille. Etwas anderes zählte nicht. Wir saßen in der Sauna, als dieser Mediziner aussprach, was der Staat von uns erwartete. Ein Leben jenseits der Leistungsgrenze, um die Kraft aus dem Körper zu pressen wie den Saft aus einer Zitrone.

„Und dann“, sagte der Arzt lapidar, „kommt auch schon die nächste Generation.“

„Ich war eine dieser Sportmaschinen.“

Ich spürte, wie Wut in mir aufstieg. Ich spürte gar Hass. Hass auf diesen Arzt und seinen Radikalismus, den Menschen als Gegenstand zu betrachten, ihn zu benutzen und dann wegzuwerfen, ihn einfach wieder sich selbst zu überlassen. Er sprach von uns, als wären wir gar keine Menschen, sondern Apparate, die verschleißen und dann ersetzt werden. Ich war eine dieser Sportmaschinen, knapp 20 Jahr alt, Mitglied der Nationalmannschaft der DDR, kurz vor den Olympischen Winterspielen in Innsbruck, 1976.

In dieser Phase meines Lebens war ich ehrgeizig, beinahe krankhaft. Ich konnte nicht Zweiter werden. Die Leidenschaft für den Skisport hatte ich von meinem Vater geerbt. Er hatte seine eigene Piste, an einem Hang unweit unseres Haus in Schönheide, westliches Erzgebirge. Er präparierte sie immer selbst – stellte die Skier quer, trat den Hang hinauf und fuhr herunter. Immer wieder. Knapp 40 Meter breit, gute 150 Meter lang. Er machte das jeden Winter, bis er mit mehr als 90 Jahren verstarb. Ich bewunderte ihn immer sehr dafür.

Die eigene Piste treten machte zäh und stark

Meinem Bruder, zwei Jahre älter, und mir brachte er auf diesem Hang gegen Ende der 1950er-Jahre das Skifahren bei. Damals waren die Winter noch richtig kalt, es fiel eine Menge Schnee. Während der Wochentage war es dunkel, wenn wir aus der Schule kamen, doch an den Wochenenden gingen wir mit unserem Vater an den Hang. Lifte kannten wir nicht. Wenn es schneite, traten wir einen Tag lang nur die Piste, damit sich der Schnee verdichtete. Manchmal hatten wir keine Lust, wollten lieber die TV-Serie „Fury“ sehen, die in der ARD lief. Wir konnten West-Sender empfangen. Unser Vater nahm uns trotzdem mit an den Hang. Ich glaube, das Treten im Schnee machte uns schon in jungen Jahren stark und zäh. Er hat uns damit geprägt.

Im Ort gab es einen steileren Hang, auf den man eines Tages Flutlichtmasten und einen Lift baute. Von nun an fuhren wir auch spätnachmittags nach der Schule Ski und die ersten Rennen. Als ich zehn war, wurde in Schönheide eine Skisprungschanze errichtet, ausgelegt auf 25 Meter. Es war ein tolles Gefühl abzuheben, ein bisschen wie fliegen. Ich verbesserte mich rasch, und es dauerte nicht lange, bis das Fördersystem der DDR mein Talent erkannte. Im Schulsport trainierte ich nach einem eigenen Plan; wenn meine Mitschüler in der Halle turnten, schuftete ich im Zirkeltraining für mehr Schnellkraft oder Ausdauer. Offenbar gab es eine Anweisung: Der Junge soll gefördert werden. Ich freute mich über die Anerkennung und nahm bald an ersten Trainingslehrgängen teil.

Als ich 13 Jahre alt wurde, fast noch ein Kind, berief man mich an die Kinder- und Jugendsportschule in Klingenthal, das Zentrum für die talentiertesten Sportler der Region. Mein Vater war mächtig stolz. Auch mein Bruder schaffte es an eine solche Schule, als Skirennfahrer nach Oberwiesenthal. Doch seine Karriere endete früh, als die DDR die Förderung des alpinen Skisports einstellte. Er machte eine Lehre zum Werkzeugmacher.

Angebliche Lügen des Westens im Unterricht

Für mich ging die Sportkarriere nun richtig los. Die Auslese war hart; von 20 Sportlern meiner ersten Klasse blieben im Abitur-Jahrgang drei übrig. Wer kein Versprechen auf Gold in sich trug, den schickten sie rasch nach Hause. Unser Tag war klar strukturiert, fast wie beim Militär: frühes Wecken, frischmachen und gemeinsam frühstücken, dann Schulunterricht; am Vormittag die erste Trainingseinheit, dann noch mal Schule, Mittagessen, Ruhezeit, Hausaufgaben und nachmittags die zweite Trainingseinheit, manchmal am Abend noch eine dritte. Montags kam ein nerviger Pflichttermin hinzu: Im Aufenthaltsraum mussten wir den „Schwarzen Kanal“ schauen, wo man uns angebliche Lügen der westdeutschen Medien auftischte. Tags darauf war die Fernsehsendung dann Thema des Unterrichts in Staatsbürgerkunde.

„Vor Wut zerschlug ich meinen Ski an einem Baum und ging zu Fuß ins Ziel.“

Die Schanzen, von denen ich sprang, wurden größer. Erst trainierte ich auf der 50-Meter-, dann auf der 70-Meter-Schanze und bald hatte ich meinen ersten internationalen Einsatz in der Tschechoslowakei. Etwa zu dieser Zeit, ich war wohl 16, kämpften wir Sportler der sozialistischen Länder in Johanngeorgenstadt um den Pokal der Freundschaft. Nach dem Springen lag ich ganz vorne. Dann kam der Langlauf, meine schwächere Disziplin. In der Loipe merkte ich früh, dass ich einen schlechten Tag erwischt hatte. Mein Verfolger überholte mich. Ich kam einfach nicht hinterher. Vor Wut zerschlug ich meinen Ski an einem Baum und ging zu Fuß ins Ziel. Ich sei gestürzt, log ich den Trainer an.

Er ahnte etwas, er munterte mich nicht auf, sondern fragte sehr genau nach, wo und warum ich gestürzt war. Mich plagte ein schlechtes Gewissen und ich war wütend, weil ich verloren hatte. Ich wollte es unbedingt wiedergutmachen. Am nächsten Tag war ich auch für das Skispringen gemeldet. Die besten Springer der sozialistischen Bruderländer gingen an den Start. Als Kombinierer war ich nur Außenseiter. Langlauf verlangt Ausdauer, das Springen Schnellkraft. Die Sportarten sind so verschieden, dass die Nordische Kombination als die Königsdisziplin des nordischen Skisports gilt. Als Kombinierer kann man eigentlich nichts richtig: Man ist nicht so ausdauernd wie reine Langläufer und nicht so schnellkräftig wie die Spezialisten im Springen.

Aber ich gewann. Ich sprang weiter als die besten Springer des Ostens.

„Der Sieg überdeckte alles.“

Mein Aussetzer vom Vortag war damit vergessen. Die Trainer und die Funktionäre klopften mir auf die Schulter. ‚Aha’, dachte ich, ‚wenn du gewinnst, bist du unangreifbar.’ Der Sieg überdeckte alles.

Doch ich war einer, der Fragen stellte, der Hintergründe wissen wollte. Schon meine Eltern hatte ich mit vielen „Warums“ und „Wiesos“ genervt. In der Sportschule und beim Training spürte ich, dass ich meine Fragen nicht stellen durfte. Wer eigene Gedanken äußerte, bekam schnell einen Rüffel. Das musste noch nicht einmal politisch gemeint sein, eine Meinung genügte. Aber im Schulunterricht reizte ich meine Lehrer, ich probierte, wie weit ich gehen konnte. Nur in Staatsbürgerkunde hielt ich mich zurück. Einmal jedoch rutschte mir irgendeine unbedachte Bemerkung raus. Am nächsten Tag zitierte mich die stellvertretende Schulleiterin zu sich. Sie war wütend, akzeptierte meine Ausrede als einmalige Entgleisung, ließ mich aber wissen, dass sie so etwas nie wieder hören wollte. In meinem Zeugnis stand: „Er ist politisch noch nicht gefestigt.“ Und: „Er müsste sich mehr an der politischen Diskussion beteiligen.“

Antworten auf meine Fragen erhielt ich, wenn ich an den Wochenenden 20 Kilometer mit dem Fahrrad nach Hause fuhr und mit meinem Bruder loszog. Ich genoss es, die Sportschule, die Kontrolle und die Einschränkungen hinter mir zu lassen. Ganz normale Leute zu treffen, die mit dem Leistungssport nichts zu tun hatten. Wir besuchten Gastwirtschaften mit kleinen Tanzsälen und hörten Rockmusik. Dass nur vier von zehn Liedern aus dem Westen kommen durften, wurde in der Regel so lange ignoriert, bis die Stasi eingriff. Wir fühlten uns trotzdem ziemlich frei. Wir feierten, wir tranken und wir trafen Mädchen. Manchmal berichtete ich vom Alltag der Sportschule, erzählte über das reichhaltige Essen. „Was habt ihr?“, fragte mich jemand ganz entgeistert. „So etwas kriegen wir nur jedes halbe Jahr. Und wir stehen dafür Schlange!“ Mir war das unangenehm. Ich fühlte mich nicht wohl dabei, besser gestellt zu sein als meine Freunde. Ich empfand dies als ungerecht. In der Schule hatten sie uns ja immer gepredigt, dass es keine Klassenunterschiede gab. Nun begriff ich, dass es anders war.

Ohne Recht auf eigenes Denken und eigene Meinung

Ich lernte auch junge Männer kennen, die gerade bei der Nationalen Volksarmee ihren Dienst ableisteten. In ihren Erzählungen erkannte ich die Glocke, unter der ich in der Sportschule lebte: diesen engstirnigen Kleinmut, diese Militanz, dieses Gefühl, einer Obrigkeit ausgeliefert zu sein, funktionieren zu müssen. Ohne Recht auf eigenes Denken und eigene Meinung. So konsequent, mit dem Sport aufzuhören und einer normalen Arbeit nachzugehen, war ich damals nicht. Ich ging gerne an meine körperlichen Grenzen, und ich liebte das Springen.

Mein Ehrgeiz trug mich weit. 1971 durfte ich erstmals ins „kapitalistische Ausland“, zu den Junioren-Europameisterschaften nach Tarvis in Italien. Vor der Abfahrt des Zuges wurden wir noch einmal darüber aufgeklärt, wer der Feind war und wie wir uns zu verhalten hatten. Ich weiß noch, wie der Zug durch die Alpen rollte und mich die Berge beeindruckten. So hoch und so schroff, das kannten wir bei uns in der DDR nicht. In Tarvis hatten wir dann das erste Mal Kontakt zu den Sportlern aus dem Westen. Die wussten schon, dass wir ein bisschen komisch waren und nicht mit ihnen reden durften. Es war unsere Pflicht, sie als Feinde zu betrachten. Ich hielt im Warteraum oder beim Wachsen der Skier manchmal einen oberflächlichen Plausch. Aber es war schwierig. Es war immer das Gefühl dabei, dass man sich nicht erwischen lassen durfte.

Spätnachmittags, nach den Trainingseinheiten, hatten wir eine Stunde Zeit, durch die Ortschaft zu spazieren. In den Schaufenstern und Regalen fanden wir vieles, was wir zu Hause nicht hatten. Wir bekamen ein bisschen Tagesgeld, aber die Ost-Mark reichten nicht aus, um mehr als eine Kleinigkeit zu kaufen. In den folgenden Jahren sparte ich das Tagesgeld für eine Jeans. Es musste eine Levi’s 501 sein, die war bei uns Kult. Die Funktionäre ließen es durchgehen. Mein Bruder nahm zu Hause gerne mit einem Tonbandgerät die Radiomusik aus dem Westen auf – in ganz furchtbarer Qualität. Reiste ich ins Ausland, gab er mir den Auftrag, verschiedene Platten zu besorgen, von „Chicago“, „Led Zeppelin“ oder „Blood, Sweat & Tears“. Ich versteckte sie im Koffer oder im Skisack und wurde nie erwischt. Ein Teamkollege hatte weniger Glück: Er erhielt ein Startverbot für die nächsten Wettkämpfe.

Ich näherte mich der Weltspitze, vor allem im Springen, und wurde bald zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen. Mein Vater freute sich unglaublich. Ich zog aus dem Sportinternat ins Trainingszentrum des SC Dynamo Klingenthal nach Mühlleithen. Es gab einen ärztlichen Dienst, der jederzeit erreichbar war, Masseure, ein Schwimmbecken. Im Sommer 1975 sollte ich mich auf die Olympischen Spiele ein Jahr später in Innsbruck vorbereiten. In diese Wochen fiel die Begegnung in der Sauna, in der uns der Mediziner erzählte, wie die Dinge funktionierten, und ich verstand, wie wenig wir wert waren. Dass wir nicht mehr als Erfüllungsgehilfen waren für den Staat, für das System. Hatte ich eine Wahl? Nicht, wenn ich zu Olympia wollte.

„Dr. Wuschech gab uns blaue Tabletten“

Morgens, mittags und abends die blauen Tablette schlucken

Wir trainierten hart in diesem Sommer, Ausdauer, Kraft und Koordination. Im Herbst reisten wir ins Trainingslager nach Finnland, weit in den Norden. Die Trainer trieben uns in die Extreme: Immer wieder ließen sie uns mit der schweren Hantel auf den Schultern in die Kniebeuge gehen, immer wieder scheuchten sie uns auf der Langlaufloipe die Anstiege hinauf. Die Einheiten waren dermaßen intensiv, dass ich in den ersten Nächten nicht in den Schlaf fand, weil mein Kreislauf viele Stunden brauchte, um sich zu beruhigen. Eines abends, wir saßen im Speisesaal, sagte unser Trainer: „Nach dem Abendessen geht jeder auf sein Zimmer, der Doktor kommt vorbei.“ Dr. Wuschech gab uns blaue Tabletten, eingeschweißt in Plastik. Den Karton hatte er nicht dabei. Er sagte, es handele sich um ein Mittel, das unseren Körpern helfe, die Belastung zu verkraften. Morgens, mittags und abends sollten wir eine Tablette schlucken, nach einer Weile dann nur noch zweimal am Tag.

Nach ein paar Tagen merkte ich, wie ich besser wurde. In der Loipe konnte ich am Anstieg meine Frequenz halten, das Tempo durchziehen und wenn ich oben war, flüssig weiterlaufen. Es fühlte sich gut an. Das harte Training zahlt sich aus, dachte ich. Viele Jahre später erfuhr ich, dass sie uns missbraucht hatten. Ich hatte mir den Namen der blauen Tabletten gemerkt – Oral Turinabol – und einen Arzt danach gefragt: ein Mittel, das man Kranken, die unter Knochenschwund leiden, zum Erhalt der Muskeln verabreicht. Als Nebenwirkung sind Leberprobleme, erhöhter Blutdruck und Aggressivität bekannt. Unser Mannschaftsarzt in der DDR hatte uns gesundheitsschädigende Medikamente gegeben. Immer wieder versuchte ich in den Jahren seit der Wende mit früheren Teamkollegen darüber zu reden. Manche sind kaum älter als 50, aber haben schon künstliche Kniegelenke oder Hüften. Ich fragte sie, ob sie sich mit den Ursachen auseinandersetzten.

„Was, welche Ursachen?“, entgegnete einer. „Wir trainierten und wir wurden besser. Wir entwickelten uns bis zur Höchstleistung. Ich habe halt Pech, dass mein Knie kaputt ist.“

Bis heute will kaum ein Kollege mit mir über das Thema Doping reden. Und sie trauen sich auch nicht, die damaligen Ärzte und Trainer darauf anzusprechen. Sie schweigen lieber. Zum Ehemaligentreffen des SC Dynamo Klingenthal werde ich nicht mehr eingeladen. Sie mögen es nicht, wenn Jahrzehnte später ihre Leistung in Frage gestellt wird, wenn man ihnen sagt, dass all die Medaillen und Titel Betrug waren. Ich glaube, dass es mit ihrer Erziehung in der DDR zu tun hat. Uns wurde beigebracht, nicht über uns zu sprechen, nicht über unsere Gedanken, nicht über unsere Gefühle. Und selbstständig denken, das sollten wir schon gar nicht. Fast alle meine Freundschaften aus der Zeit im DDR-Sport zerbrachen.

Alles für die olympische Medaille

Nach dem Trainingslager in Finnland reisten wir zum Höhentraining an den Dachstein nach Österreich. Wir wohnten im Berghotel Türlwandhütte am Fuße der Südwand. Jeden Tag fuhren wir zweimal hoch auf fast 3000 Meter und liefen viele Kilometer auf Langlaufskiern. Frühstück, Mittag- und Abendessen gab es unten im Hotel. Ich traf eine junge Kellnerin, Anna, ein hübsches, schlankes Mädchen mit schwarzen Haaren. Ich verliebte mich in sie und besuchte sie nachts. Zurück in der DDR, schrieb ich ihr Briefe, die ich aber erst aufgab, wenn wir wieder im westlichen Ausland waren. Ich hatte Angst, sie konnten abgefangen werden. Man hörte ja so vieles damals in der DDR. Und aus den Orten, die wir fürs Training oder für Wettkämpfe besuchten, schrieb ich ihr wieder. Sie antwortete mir immer.

Und dann fuhren wir nach Innsbruck zu den Olympischen Spielen, bezogen unser Hotel und bereiteten uns auf den Wettkampf vor. Es lief eigentlich wie immer: Im Springen fühlte ich mich gut in Form, im Langlauf wusste ich, dass ich einen guten Tag benötigte.

Ich sprang auf Platz drei.

„Ich fühlte mich betrogen.“

Am nächsten Tag wollte ich alles geben, um diese Position zu verteidigen, für eine olympische Medaille. Wir saßen beim Abendessen, als unser Cheftrainer von der Auslosung für die Langlaufgruppen zurückkam. Auf dem Los zur Startnummer stand nur die Nation. Welcher Sportler die Nummer übernahm, entschieden die Trainer. Er trat an unseren Tisch:

„Claus“, sagt er, „Du startest morgen...“ – er machte eine kurze Pause – „...mit der Startnummer 1.“

Mir lief ein Schauer den Rücken hinab. Ich war wütend, sagte aber nichts und stocherte mit der Gabel im Essen herum. Startnummer 1 bedeutete: Ich würde vorneweg laufen müssen und meinen Konkurrenten wie ein Schneepflug die Loipe säubern. Den dritten Platz zu halten schien mir mit einem Mal unmöglich. Mein Trainer nahm mir mit seiner Wahl die Chancen. So sah ich es, und so kam es. Ich verausgabte mich auf den 15 Kilometern völlig, doch ich sah auf der Anzeigetafel, wie ich zurückfiel. Ich wurde am Ende Fünfter. Ein gutes Ergebnis, aber in der DDR nichts wert. Ich fühlte mich betrogen.

Mein Zimmerkollege erreichte das Ziel auch abgeschlagen. Wir schoben Frust, zogen uns zurück und tranken noch vor dem Mittagessen Wodka mit Saft. Die Bonzen um den Sportführer Manfred Ewald kamen ins Hotel. Sie huldigten unseren Medaillengewinnern und priesen ihre Leistungen für die Deutsche Demokratische Republik. Mein Kollege und ich standen wie Anhängsel daneben. Einen kurzen Händedruck kriegten wir wohl, aber keinen Glückwunsch, keine aufmunternden Worte. Hinterher gingen wir wieder aufs Zimmer und tranken, bis wir erschöpft einschliefen.

Eine teure Taxi-Fahrt

Gegen Abend wachte ich auf und ich fasste einen Entschluss: Ich wollte mich von der Mannschaft absetzen, der DDR den Rücken kehren und diese Ungerechtigkeiten hinter mir lassen. Ich wollte nicht mehr in einem Land leben, in dem das Glück abhängig war von der Gunst der Oberen.

Heimlich rief ich aus einer Telefonzelle im Hotel meine Freundin an. Ich bat sie, am nächsten Tag nach Innsbruck zu kommen. Wir vereinbarten einen Treffpunkt. Sie sollte in der Nähe der Langlaufstrecke, auf der wir trainierten, auf mich warten. Als ich sie sah, blickte ich mich nervös auf der Loipe um. Niemand aus meiner Mannschaft war zu sehen. Ich rief ihr aus dem Wald zu, dass sie während des Skispringens auf der Großschanze ein Taxi zu unserem Hotel bestellen sollte.

Ich hielt das für den idealen Zeitpunkt, mich abzusetzen. Die meisten Sportler, Trainer und Funktionäre würden an der Schanze stehen und jene, die im Hotel blieben, vor dem Fernseher zusehen. Als der Wettkampf begann, stand ich aufgeregt am Fenster und wartete. Das Taxi fuhr vor. Ich verließ das Hotel durch die Garage, stieg ins Auto und duckte mich, bis wir die Stadt verlassen hatten. Der Fahrer staunte, als wir ihm unser Ziel angaben: Bischofshofen, mehr als 200 Kilometer entfernt. Es war eine teure Fahrt.

Wie es weitergehen sollte, wusste ich nicht, aber ich hatte meinen Ärger und meine Entschlossenheit. Ich fühlte mich gut, als wir über die Autobahn fuhren. In Bischofshofen stiegen wir um in den Zug, weiter nach Zeltweg, zu Annas Eltern. Sie waren politisch völlig ungebildet. Sie wussten, dass es die DDR gab, mehr nicht. Auch Anna hatte keine Ahnung. Ich erklärte ihr die Umstände und sie begriff, dass ich eine weitreichende Entscheidung getroffen hatte. Dass ich nicht mehr zurück nach Hause konnte, dass ich meine Familie nicht mehr wiedersehen würde. Ich kann mir heute vorstellen, was Annas Eltern gedacht haben müssen, als ihre Tochter, 17 Jahre jung, plötzlich einen fremden Typen mit nach Hause brachte, der aus einem anderen Land kam und bei ihr schlief.

Als wir am nächsten Tag zu Mittag aßen, klingelte es an der Tür. ‚Jetzt sind sie da!’, dachte ich. Ich sprang auf, rannte ins Schlafzimmer, öffnete das Fenster und suchte das nächste Fallrohr der Dachrinne. Dann dachte ich: ‚Vielleicht haben sie das Haus auch schon umstellt!’ Ich schloss das Fenster wieder. Währenddessen ließ Annas Vater die Besucher ins Haus. Es waren ein Trainer, ein Funktionär und unser Masseur, der sich immer vertrauenswürdig gegeben hatte. Irgendwie hatten sie unsere Spur zurückverfolgt. Sie waren sehr freundlich, aber ihre Absicht war klar: Sie wollten mich überzeugen, wieder zur Mannschaft und in die DDR zurückzukehren. Ich müsste auch keinerlei Konsequenzen fürchten, sagten sie. Dann rief dieser Ewald an, dem mein fünfter Platz egal gewesen war. Er sprach zu mir wie ein Vater, dessen Sohn eine Fünf in Mathe geschrieben hatte: Man könnte so einen Ausrutscher wieder korrigieren, meinte er. Ich erwiderte, dass ich bleiben würde, wo ich bin, und dass die Mannschaft ohne mich zurückkehren müsste. Die Männer sprachen auch mit Anna und behaupteten, dass ich zu Hause in Sachsen eine Freundin hätte. Es war sehr schwierig, ihr das wieder auszureden.

Während sie mit mir sprachen, stoppte man in der DDR den Bus, mit dem mein Vater als Teil einer Delegation meines Heimatvereins auf dem Weg nach Berlin fuhr, um uns zu empfangen. Sie brachten ihn in irgendein Büro und ließen ihn anrufen. Mein Vater war völlig fertig. Er heulte wie ein kleines Kind. Dann brach die Leitung ab. Er hatte niemals damit gerechnet, dass ich nicht zurückkehren würde. Er hatte sich auf mich gefreut und war stolz, dass es sein Sohn aus der Provinz bis zu Olympia geschafft hatte. Die Nachricht, dass ich abtrünnig war, traf ihn mit voller Wucht. Er bereute es danach all die Jahre, dass er mich überhaupt zum Sport gebracht hatte.

Psychologisch war dies von den Stasi-Leuten besonders perfide, denn sie merkten, dass sie mir über meinen Vater nahe kommen könnten. Er rief wieder an, immer noch aufgelöst. Ich versuchte, ihn zu beruhigen und ließ ihn den Hörer an einen Offiziellen überreichen. „Wenn Sie meinen Vater nicht ab sofort in Ruhe lassen, werde ich keinerlei Telefonate mehr mit Ihnen führen“, sagte ich und legte auf.

Ein paar Tage hörte ich nichts mehr.

Die Rückkehr in die DDR

Dann erschien ein Vertreter der DDR-Botschaft aus Wien, ein sehr unsicherer, aber freundlicher Typ, der mir Versprechungen machte: Ich dürfe ohne Strafe in die DDR zurückkehren, im Klub weiter trainieren, in der Nationalmannschaft bleiben und auch meine Freundin mitnehmen. Ansonsten bliebe alles wie gehabt. Auch die Rückreise nach Österreich wäre kein Problem. Ich glaubte ihm nicht. Und schriftlich wollte er mir dieses Angebot nicht bestätigen.

In den folgenden Tagen kam ich ein wenig zur Ruhe. Aber in mir wuchs das schlechte Gewissen. Ich fühlte mich schuldig, dass es meinem Vater so schlecht ging. Ich machte mir auch Sorgen um meine Mutter. Ich dachte lange nach und besprach alles mit meiner Freundin. Und dann rief ich die DDR-Botschaft in Wien an und sagte, dass ich das Angebot annehmen werde – aber nur, wenn mich meine Freundin begleitete. Und wir waren fest entschlossen, schon bald zurück nach Österreich zu gehen.

Ohne es ihren Eltern zu sagen, flogen wir von Wien nach Ost-Berlin. Dort holte uns mein Bruder ab und fuhr mit uns nach Schönheide. Ich versuchte meiner Familie zu erklären, warum ich mich abgesetzt hatte, aber es fiel allen schwer, mich zu verstehen. Es waren Dinge, über die wir vorher nie gesprochen hatten. Meine Gedanken über die Ungerechtigkeiten, über die Klassengesellschaft, über die Härte eines Systems, von dem nur wenige profitierten. Wir waren alle sehr verkrampft, sehr verspannt. Ein paar Freunde der Familie versuchten, mich vom Bleiben zu überzeugen. Wahrscheinlich auf Bitten meines Vaters.

In Österreich hatten mich Annas Eltern in der Zwischenzeit angezeigt – wegen der Entführung einer Minderjährigen. Ein Parteivertreter kam zu uns nach Hause und teilte uns diese Entwicklung mit. Wohl auch mit der Absicht, den Druck zu erhöhen. Einige österreichische Reporter tauchten im Dorf auf. Ich wollte eigentlich mit ihnen reden, sie fragen, ob sie Neuigkeiten hatten, doch meine Mutter vertrieb sie. Die Reporter machten nur ein paar Fotos vom Haus und vom heruntergekommenen Hinterhof. Nach drei Wochen, so war es abgemacht, musste ich mich entscheiden. „Wir gehen zurück nach Österreich“, erklärte ich.

Ost-Berlin nach Wien, nur Hinflug

Da legte der Bonze seine schwarze Aktentasche auf den Tisch, öffnete sie und drückte mir zwei Flugtickets in die Hand: Ost-Berlin nach Wien, nur Hinflug.

„Sie verlassen morgen die DDR!“, sagte er bestimmt.

Die Stunden bis zum Abflug vergingen rasend schnell. Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns von meinen Eltern. Mein Bruder brachte uns zum Flughafen. Wir umarmten uns flüchtig, bevor Anna und ich durch die Kontrolle gingen. Diese letzten Stunden waren für mich derart typisch für das Leben in der DDR: keine Emotionen zeigen, immer zurückhaltend sein, immer vorsichtig.

„Die Journalisten fanden nur eine mögliche Antwort: Ich musste ein Spitzel sein.“

In Wien wartete bereits die Presse am Flughafen. Und sie war uns nicht freundlich gesinnt. Alle fragten sich: Warum hatte man mich wieder ausreisen lassen? Die Geschichten von Flüchtlingen, die erwischt wurden, von Festnahmen an der Grenze und von Stasi-Gefängnissen kannte man im Westen. Die Journalisten fanden nur eine mögliche Antwort: Ich musste ein Spitzel sein, ein Spion, der die Trainingsmethoden der starken österreichischen Wintersportler auskundschaften sollte.

Den Neustart machten mir die Österreicher nicht leicht. Es gab nur wenige, die meine Situation verstanden, unter ihnen ein Sportjournalist, der sich um Anna und mich kümmerte und mir Kontakte zum Österreichischen Skiverband verschaffte. Ich wollte mich auf meine Stärke konzentrieren: das Skispringen. Wäre Baldur Preiml nicht gewesen, der legendäre Trainer Österreichs, hätte ich wohl nie Fuß gefasst. Er verteidigte mich gegen die Stimmen aus den Landesverbänden, die klagten, dass ich einem Einheimischen den Platz im Kader nehmen würde. Solange ich besser sprang, war ich im Kader, das stellte Preiml klar. Ich bewundere ihn bis heute sehr für seinen Umgang mit den Sportlern: menschlich, fair, eigenverantwortlich. Das kannte ich gar nicht. Ihn zu duzen, wie es alle taten, traute ich mich zunächst kaum.

Bis ich über den Skiverband einen Job bei einer Skifirma fand, schickten uns viele Westdeutsche kleine Geldbeträge, von denen Anna und ich leben konnten. Eine große Hilfe. Solch unerwartete Solidarität von fremden Menschen tat uns gut. Im Osten hatte man doch immer vom bösen, unmenschlichen Westen gepredigt.

Im Herbst 1976 traf ich im Trainingslager erstmals auf die alten Kollegen aus der DDR. Sie grüßten mich nicht. Ich bin sicher, dass man es ihnen verboten hatte. Ich war sehr gut in Form und sprang weit. Einige Wochen später stand die Vierschanzentournee an, der wichtigste Skisprung-Wettbewerb. Bei den Trainingssprüngen vor dem Auftakt in Oberstdorf sprang ich mit den Besten um die Plätze. Kurz vor dem Wettkampf legten die Trainer der DDR eine Beschwerde gegen meinen Start ein, wegen irgendeiner Frist nach dem Wechsel der Nationalität. Letztlich sorgte Preiml dafür, dass ich springen durfte, aber dieses Hickhack nahm mir die Selbstsicherheit. Ich sprang schlecht. Die Tournee war futsch.

Ich fand erst wieder zu meiner Leistung, als der DDR-Tross nicht mehr die gleichen Wettkämpfe sprang wie wir. Offenbar eine psychologische Sache. In den kommenden Monaten merkte ich, wie ich mich steigerte, wie ich mich besser fühlte. Wir trainierten in Österreich weniger als in der DDR, dafür aber gezielter. Zur Weltmeisterschaft 1978 in Lahti, Finnland, war ich in der Form meines Lebens. Ich spürte, dass ich den Titel gewinnen könnte. Meine Trainingssprünge waren überragend.

Ich stieg zum Wettkampf auf die Schanze, ruhig und fokussiert. Ich ging den Sprung noch einmal in Gedanken durch, konzentrierte mich und stieß mich vom Balken. Ich traf den Absprung perfekt und ging in den Flug.

In der Luft verlor ich einen Ski. Er riss einfach vom Fuß.

Ich stürzte heftig. Zum Glück trug ich keine schweren Verletzungen davon. Wir reparierten meine Bindung und ich überwand mich, zum zweiten Sprung wieder anzutreten. Die finnischen Zuschauer feierten mich dafür lautstark, aber für mich war das kein Trost. Ich hatte meine Chance auf den größten Erfolg meiner Laufbahn verloren.

Drei Jahre später, 1981, beendete ich meine Karriere. Ich war ausgebrannt und mittlerweile zweifacher Vater. In den Nachrichten hörte ich vom Tod des Fußballers Lutz Eigendorf. Er hatte sich 1979 nach einem Freundschaftsspiel mit dem Stasi-Club BFC Dynamo in der Bundesrepublik abgesetzt und zuletzt für Eintracht Braunschweig gespielt. Er starb an den Folgen eines mysteriösen Autounfalls. Es hielt sich das Gerücht, dass die Stasi seinen Wagen manipuliert hatte. Ich dachte an meinen Sprung während der Weltmeisterschaft. An die kaputte Bindung. Die Skiräume standen offen. Ich kann es nicht beweisen, aber vielleicht hatte die Stasi damit zu tun. Ich traue es ihr zu.

Claus Tuchscherer, Jahrgang 1955, arbeitet heute im Parteienverkehr des österreichischen Sozialamts in Innsbruck. Der Vater von zwei Kindern lebt in Natters bei Innsbruck. Sein Vater Gottfried Tuchscherer verstarb im Jahr 2012 mit über 90 Jahren im Erzgebirge.