DREI VERSUCHE Nur raus hier!

Erst gelingt es ihm, über die Berliner Mauer zu entkommen. Dann holt er seinen Bruder raus. Als Detlef Hubertus Peuker den dritten Anlauf wagt, die Grenze zu überwinden, ist sein Glück aufgebraucht. Eine dunkle Zeit beginnt, die ihn bis heute verfolgt.

Im Knast von Gera lernte ich, in die Scheiße zu greifen. Jeden Morgen, gleich nach dem Aufstehen. Erst traten die Schließer mit ihren Stiefeln zweimal kräftig gegen den Stahl der Zellentür, so schwer, dass die Sicherungsriegel schepperten.

„Aufstehen!“, brüllten sie. „Kübeln!“

An meinem ersten Morgen wusste ich nicht, was sie meinten.

Dann hörte ich das eiserne Krachen, ein kalter, schneidender Lärm, der durch die karge Zelle hallte und im Kopf bebte. Nach dem obersten Riegel zogen sie auch die unteren beiden auf, und immer klackten die Sperrhaken und schepperte dieser metallene Krach zwischen den Ohren.

Die Schließer traten in die Zelle und brachten mir bei, was es mit dem „Kübeln“ auf sich hatte. Meine Zelle: ein Verlies. Durch die Glasbausteine im Fenster drang kaum Licht, eine Holzpritsche stand an der Wand, Tisch und Hocker waren einbetoniert. Es gab eine Emaille-Schüssel mit ein wenig Wasser und einen Eimer aus Metall. Darin war der Kübel für die Notdurft.

Sein Griff baumelte in der Scheiße.

Ich musste diesen Kübel aus dem Eimer ziehen, über den Flur und durch das Treppenhaus tragen, bis zu einer großen Wanne, durch die Wasser lief. Dort leerte ich den Kübel und füllte Wasser nach.

Das bedeutete „Kübeln“.

Dann brachten mich die Wärter zurück auf meine Zelle und gaben mir mein Frühstück: einen Klecks Marmelade, ein bisschen Brot und einen Löffel aus Aluminium, mit dem ich die Marmelade aufs Brot schmieren konnte.

„Man kann sagen: Ich ging für seine Liebe in den Knast.“

In dieser Zelle blieb ich ein Dreivierteljahr. Ich saß in Untersuchungshaft, seit sie mich dabei erwischt hatten, wie ich die Freundin meines Bruders aus der DDR in den Westen bringen wollte. Meinen Bruder hatte ich schon vorher rausgeholt. Man kann sagen: Ich ging für seine Liebe in den Knast. Dass die beiden sich nach unserer Festnahme nie wieder sahen, ist rückblickend ziemlich bitter.

Berufung gegen das Urteil

Nach einigen Monaten in der Untersuchungshaft und vielen Vernehmungen wurde ich zum Bezirksgericht in Rudolstadt gebracht. Mein Anwalt war ein blasser „Ja-Sager“, der letztlich auch nur für die Stasi arbeitete. Geholfen hat er mir nicht. Zunächst war ich angeklagt nach dem Paragrafen 213 des Strafgesetzbuches der Deutschen Demokratischen Republik: wegen der Hilfe zum ungesetzlichen Grenzübertritt. Das galt als Straftat gegen die staatliche und öffentliche Ordnung. In der Gerichtsverhandlung wurde die Anklage erweitert um den Paragrafen 105, Abschnitt „Terror“: „Staatsfeindlicher Menschenhandel“, Mindeststrafe zwei Jahre, lebenslänglich möglich. Ich bekam vier Jahre und sechs Monate. Gegen das Urteil legte ich Berufung ein – und hockte deswegen auch die nächsten Monate in meinem Verlies.

Die Berufung wurde am Obersten Gericht der DDR in Berlin verhandelt. Eine Farce. In diesem Staat galten nicht Recht und Gesetz, es gab nur eine große Bühne mit Kasperletheater. Der Richter fuhr mich an: „Seien Sie bloß froh, dass Sie nur so wenig gekriegt haben! Bei uns hätten Sie eine längere Strafe erhalten!“ Dann hackte er noch eine Stunde lang auf mir herum, weil ich uneinsichtig sei – und man bestätigte mein Urteil.

Aus der Untersuchungshaft verlegte man mich in die Strafhaft, nach Berlin-Rummelsburg, wo viele Westdeutsche und Fluchthelfer einsaßen. Ich verbrachte dort noch mehr als zwei Jahre, bis die BRD mich freikaufte. Eine furchtbare Zeit. Die Monate gerieten unendlich lang. Nie konnte man sich sicher sein, ob und wann man rauskam. Manche Häftlinge drehten durch, sie griffen Wärter an und bekamen dafür zusätzliche Strafen. Viele waren psychisch völlig am Ende.

„Manchmal träume ich noch heute vom Gefängnis.“

Ich fraß alles in mich rein und fiel im Geiste in ein tiefes Loch. Tagsüber erledigte ich Lötarbeiten, bei denen ich acht Stunden lang die Bleidämpfe einatmete, weil es keine Abluft gab. Das Essen war so miserabel, dass meine Zähne schwach wurden. Vermutlich der Vitaminmangel. Und mein Magen wurde hart wie ein Stein, ohne dass je ein Arzt etwas gefunden hätte. Ich brauchte später sehr lange, um diese Zeit in der Haft zu verarbeiten. Ich glaube, man befreit sich, wenn man darüber spricht.

Manchmal träume ich noch heute vom Gefängnis.

Nach dem Freikauf mit dem Bus in den Westen

Die letzten Tage vor meiner Entlassung liefen besonders zäh. Die Nächte nahmen kein Ende. Fast so, wie zu Beginn der Haft, als ich noch nicht wusste, was mich erwartete, weil ich noch kein Urteil kannte. Es ging damit los, dass die Wärter kleine Bemerkungen fallen ließen, die einem Hoffnung gaben. Eines Tages holten sie mich aus der Zelle und sperrten mich in eine andere – alle, die mit mir dorthin verlegt wurden, hatten wie ich zwei Drittel ihrer Zeit hinter sich. Uns machte das zuversichtlich, weil viele Gefangene nach dieser Haftdauer in den Westen entlassen wurden. Das wussten wir aus der Erfahrung der vergangenen Jahre. Wieder wurde ich verlegt, diesmal in ein anderes Gefängnis. Ich weiß nicht, wo es war. Es waren aber wieder nur Leute dabei, die bereits zwei Drittel ihrer Strafe verbüßt hatten.

Zehn Tage lang verharrte ich. Ich spürte die Ungewissheit und die Angst, dass sie mich doch nicht in die Freiheit entließen. Und dann gaben sie mir auf einmal die Klamotten, die ich trug, als ich drei Jahre zuvor festgenommen wurde, und meine Entlassungsurkunde.

„Das Zeug anziehen!“, befahl ein Wärter, „kommen Sie mit!“

Im Gefängnishof parkten zwei Busse. Ich setzte mich auf eine Reihe ganz hinten, dann stieg der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel ein, der Unterhändler der DDR für den Häftlingsfreikauf; ein Handlanger der Staatsobersten. Er hielt eine Ansprache: Wir sollten unsere Freude zurückhalten, wir würden uns mit jeder unangebrachten Äußerung nur selbst schaden. Wir sollten nicht über die Haftzeit reden. Vogel verkaufte uns die Freilassung als Gnadenakt. Dass die DDR mit jedem Freikauf Zehntausende D-Mark verdiente, sagte er nicht. Als er genug gefaselt hatte, stieg er aus und die Busse fuhren los, ohne Stopp bis zur Grenze, wo sie auch nicht anhielten. Die Grenzer hoben den Schlagbaum und grüßten. Wir waren im Westen – und tatsächlich frei. Ich blickte aus dem Fenster und sah grüne Wiesen und Bäume vorbeiziehen. Es kam mir vor wie in meinem eigenen Film.

Ich war 25 Jahre alt. Zum dritten Mal begann ich ein Leben in Westdeutschland.

+++

1953 wurde ich in Braunschweig geboren, in schwierigen Zeiten. Meine Eltern hatten damals sehr zu kämpfen; wir zogen bald wegen der Arbeit nach Gera. Ich glaube, meinte Eltern ahnten nicht, was der Umzug in die DDR bedeutete. Sie waren froh, dass mein Vater eine Anstellung als Vermessungstechniker in einer Behörde fand und man uns eine kleine Wohnung für die Familie zuwies. Das war mehr, als wir in Braunschweig hatten, aber wenig für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Meinen ältesten Bruder ließen meine Eltern deswegen bei den Eltern meiner Mutter zurück. Sicher eine schwierige Entscheidung. Vor allem, weil die Grenze bald vollends geschlossen wurde.

„Mein Vater war ein überzeugter Kommunist. Er machte Karriere.“

Mein Vater war ein überzeugter Kommunist, er glaubte an eine bessere Zukunft in der DDR. Er trat in die SED ein und verpflichtete sich im Namen der Familie, nie wieder den Westen zu bereisen. Das öffnete ihm Türen im Staatsapparat. Er machte Karriere. Als er zum stellvertretenden Leiter des Katasteramtes in Jena berufen wurde, verließen wir Gera. Das war 1960. Später leitete er das Amt.

Zu Hause benahm er sich ziemlich autoritär. Er konnte die kleinen Probleme einer Familie mit drei Kindern nicht mit Geduld und Worten lösen. Und wenn er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, regelte er die Dinge mit seinem Gürtel.

Mich trieb es in meiner Kindheit oft aus dem Haus. Ich erkundete die Stadt.

Ein roter Straßenkreuzer im grauen Jena

In den Wohnvierteln auf dem Kernberg in Jena sah ich eines Tages, wie ein Mann sein Auto wusch. Einen knallroten Buick, ein amerikanischer Straßenkreuzer mit langgezogenen Kotflügeln, an deren Enden runde, rote Rücklichter glänzten. Ein Cabriolet mit echten Ledersitzen und amerikanischem Kennzeichen – und das mitten in der DDR! Hier sah man sonst nur Wartburgs oder Trabants in verwaschenem Blau, Grün oder Grau. Ich blieb stehen, stundenlang, und schaute dem Mann zu, wie er dieses Auto wusch und die verchromten Ränder polierte. Der Mann war Amerikaner, aber er sprach Deutsch. Als er fertig war, rief er herüber: „Ich mache jetzt eine Fahrt, willst du mitkommen?“

Ich stieg ein und wir glitten durch Jena. Die Menschen blieben stehen und sahen uns mit großen, ungläubigen Augen hinterher, manche Autos hielten einfach an. Die Leute in der Straßenbahn drückten ihre Nasen an die Scheiben. Es war ein tolles Gefühl. So erhaben.

Die schönsten Momente meiner Kindheit bescherte uns meine Oma aus Braunschweig. Zu allen möglichen Anlässen schickte sie uns Pakete, die sie mit zwei, drei Schichten Papier verpackte, jede mit Paketschnur eingeknotet. Meine Mutter zelebrierte das Entpacken. Sie riss die Pakete nie einfach so auf. Sie stellte sie vor uns Kinder auf den Esstisch, nahm eine Gabel und löste nacheinander jeden einzelnen Knoten. Wir sahen ihr ungeduldig zu. Die Pakete dufteten ja schon, als meine Mutter sie auf den Tisch hob. Und mit jeder Papierschicht, die sie entfernte, kroch uns ein Geruch von Kaffee, Schokolade und Kakao in die Nasen. Es war jedes Mal ein Fest, wenn wir dann endlich eine Tafel Schokolade aufbrachen und davon naschten. Unsere Oma legte uns auch Zeitschriften in die Pakete, mit bunten Bildern aus der Bundesrepublik. Für mich kam damals einfach alles Schöne, alles Farbenfrohe und Aufregende aus dem Westen.

In Jena waren die Straßen kaputt und die Häuser grau, einfach nur verputzt. Alles war so eintönig. Auch die Kleidung: Gab es irgendwo einmal grüne Hemden, dann trugen plötzlich alle diese grünen Hemden. Gab es Hüte, dann hatten in den nächsten Tagen alle einen auf dem Kopf. Und ich weiß gar nicht, wie oft wir vor einem Geschäft standen, nur weil andere dort schon in der Schlange warteten. Was es gab? Wusste niemand. Wer lange genug ausgeharrt hatte, konnte an der Ladentheke schließlich Kartoffeln kaufen.

Ich fand das Leben im Osten scheiße.

Und ich fühlte mich wie verhöhnt, wenn der Staat seine Planwirtschaft pries, in der es keine Unterschiede geben sollte, dafür aber Wohnungen und Arbeitsplätze für alle und preiswerte Straßenbahntickets. Die Wahrheit sah anders aus: Die Züge waren verdreckt, seine Arbeit konnte sich kaum jemand aussuchen und die Häuser verfielen.

„Wir wollten anders sein.“

Ich war ein fauler Schüler. Ich bekam schon morgens früh schlechte Laune, wenn wir uns auf Russisch bereit für den Unterricht melden sollten. Mit meiner Einschulung musste ich Jungpionier werden, später dann Thälmann-Pionier. Feiern zur Erfüllung des Plansolls, irgendeine angebliche Errungenschaft, Parade, Fackelzüge – das alles ging mir auf den Geist. Ich ließ mir nie gerne etwas sagen. Ich zog lieber durch die Straßen und traf in der Innenstadt die älteren Jungs mit ihren Motorrädern, die sie veredelt hatten, indem sie die Plastikteile versilberten oder den Sitz mit Fell überzogen. Manche trugen auch große Kofferradios mit sich herum, stellten einen West-Sender ein und drehten so laut auf, wie es nur ging. Der Empfang war fürchterlich. Es war mehr ein Kreischen und Krachen als Musik. Aber wir fielen auf – und das behagte uns.

Wir wollten anders sein.

Bilder aus der Jugend – und von der Mauer

Wir trugen unsere Haare wie die Beatles. Wir schnitten uns die Hosenbeine auf und verbreiterten sie, bis wir einen Schlag hatten, der weit über die Schuhe reichte. Und wir trugen bunte Hemden, mit Sonnenblumen oder wilden Mustern darauf. Immer so farbig, wie es ging. So saßen wir dann auf einem Platz, tauschten Kaugummis, Schokolade oder Micky-Maus-Hefte, bis die Polizei aufkreuzte. Die Beamten verteilten Strafzettel an die Motorradfahrer oder zerstörten die Kofferradios. Sie nahmen uns manches Mal auch mit – und ließen uns erst am Abend wieder gehen.

Seit ich zwölf war, hatte ich eine einfache Fotokamera. Ich knipste alles. Die Motorräder, uns, wie wir cool danebenstanden, manchmal auch Häuser in der Innenstadt. Ich hielt die Zeit fest. Meine Bilder entwickelte ich selbst. Schwarz-weiß. Farbfilme waren noch viel zu teuer. Ich hatte einen kleinen Bausatz mit Entwicklungsdose, Wannen und Chemikalien gekauft – den kriegte man problemlos – und mir damit auf dem Dachboden eine Dunkelkammer eingerichtet. Es hat mir Spaß gemacht zu sehen, wie die festgehaltenen Momente zu Bildern wurden.

Nach der achten Klasse ging ich von der Schule ab. Ich musste mir Gedanken über meine Zukunft machen. In Jena gab es eigentlich nur drei Möglichkeiten für mich: Ich konnte eine Ausbildung im großen Glaswerk bei Schott und Genossen machen. Oder bei VEB Carl Zeiss Jena, wo sie Objektive und Fototechnik herstellten. Das hätte mich wohl interessiert. Die dritte Möglichkeit war auf dem Bau. Ich war 15 und wurde Maurer. Und eigentlich fragte ich mich nur eines: „Mensch, was willst du hier nur?“

Mit drei Freunden fuhr ich zu dieser Zeit für ein paar Tage nach Berlin. Ich fotografierte sie am Bahnhof in Jena, beim Umsteigen oder wie sie im Zug schliefen. Wir hatten wenig Geld und nisteten uns in Berlin in einer Sammelunterkunft ein, in der Bahnhofsmission am Ostbahnhof. Die Jungs wollten Berlin erkunden, doch ich mochte nur die Mauer sehen. Anderswo im Land, hatte ich gehört, kam man gar nicht bis an die Grenze. Mein Ziel war es, herauszufinden, wie ich sie überwinden konnte. Ich wusste, dass man mir einen Ausreiseantrag kaum genehmigen würde – und außerdem hätte ich darauf noch warten müssen, bis ich volljährig wurde.

Tatsächlich: Die Häuser reichten bis an die Grenzanlage heran. Davor standen nur ein paar Schilder, dass man durch diese Straßen nur mit einem Sonderausweis gehen dürfe, den man zum Beispiel hatte, wenn man dort wohnte. Ich ging immer wieder in dieses Grenzgebiet. Manchmal sah ich Uniformierte, die auf und ab marschierten. Ich passte auf, dass sie mich nicht entdeckten. Meine Kamera hielt ich immer eng am Körper. Ich trug sie vor dem Bauch. Ich machte Bild um Bild. An einem Haus in der Oderberger Straße drückte ich die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Ich ging durch das Treppenhaus einige Etagen nach oben. Aus den Fenstern sah ich die Grenzanlagen mit einem Schotterweg, mit Panzersperren und der Mauer. Dahinter West-Berlin. Ich fotografierte alles.

„Was haben Sie für Fotos gemacht?“

Als ich das Haus wieder verließ und das Grenzgebiet verlassen wollte, stoppte mich eine Patrouille.

„Was machen Sie hier?“

„Nichts.“

„Kommen Sie mit!“

Die Grenzpolizisten brachten mich in eine Wache und nahmen mir meine Kamera ab. Dann kam ein Beamter ins Zimmer und stellte mir Fragen:

„Sie haben Fotos gemacht. Was haben Sie für Fotos gemacht?“

„Stadtmotive“, antwortete ich. Das war ja noch nicht einmal gelogen.

„Wenn wir die Fotos entwickeln, was werden wir sehen?“

„Können Sie auch entwickeln: Stadtmotive.“

Ich blieb dabei. Die Polizisten setzten mich in ein Auto und fuhren mit mir zu unserer Unterkunft. Sie filzten unsere Sachen und fragten meine Kumpel aus. Ich hatte ihnen aber nie was erzählt, meine Gedanken von der Flucht kannte niemand. Zum Glück. Sie gaben mir meinen Fotoapparat zurück und eine klare Aufforderung mit auf den Weg: „Innerhalb von 24 Stunden ist Berlin zu verlassen!“ Ich sollte mich in Jena auf der Wache melden.

„Auf den Bildern glaubte ich, eine Möglichkeit zur Flucht entdeckt zu haben.“

Der Film war noch in der Kamera. Eine Serie mit Bildern aus dem Grenzgebiet, von der Mauer und den Sicherungsanlagen. Zuhause auf dem Dachboden entwickelte ich die Fotos. Auf den Bildern, die ich aus der Höhe aufgenommen hatte, glaubte ich, eine Möglichkeit zur Flucht entdeckt zu haben: Dort war ein Innenhof zu sehen, den nur eine schmale Mauer vom Grenzstreifen trennte. Es waren von dort, vorbei an ein paar Panzersperren, wenige Meter bis zur eigentlichen Mauer, die dort einen Knick machte. Um die Ecke, so sah es aus, war nur ein Maschendrahtzaun. Dort könnte ich in einem unbeobachteten Augenblick drüberklettern.

Der Gedanke ließ mir keine Ruhe.

Meine Maurerlehre geriet zur Katastrophe. Ich lernte gar nicht mauern, wir bauten keine schönen Einfamilienhäuser. Ich lief den ganzen Tag in Gummistiefeln durch den Matsch einer Großbaustelle, schippte Sand oder schleppte Material. Neben dieser Baustelle lag eine Eisenbahntrasse. Manchmal fuhren Interzonenzüge vorbei. Vorne stand „DB“ geschrieben – Deutsche Bundesbahn. ‚Der fährt jetzt in den Westen’, dachte ich und sah dem Zug sehnsüchtig nach.

Wenig später kehrte ich nach Berlin zurück, weil ich mir die Stelle, die ich mir auf meinen Fotos ausgeguckt hatte, noch einmal genauer ansehen wollte. Ich trampte. Kurz vor Berlin stand ich an der Autobahn und versuchte ein Auto zu stoppen, als mich die Volkspolizei aufgriff. Sie nahmen mich mit zum nächsten Kontrollposten nach Potsdam. Mein Ausweis war ein wenig zerfleddert. Die Polizisten sagten, er sei ungültig, und wollten mich nach Hause schicken. Ich hatte aber kein Geld und mein Vater wollte mich nicht abholen. Also behielten sie mich übers Wochenende auf der Wache, bis am Montag ein Wagen nach Jena fuhr.

Ich lernte in dieser Zeit einen jungen Mann kennen, der als Kellner auf der Autobahn-Raststätte am Hermsdorfer Kreuz arbeitete. Er erzählte mir, dass er dort viel Trinkgeld bekam – D-Mark, West-Geld. Ich wurde gleich hellhörig, denn damit konnte man allerhand kaufen, was man mit Ost-Mark niemals bekam. Dann erzählte ich ihm von meinen Mauer-Bildern. Er wollte sie sehen und er kaufte sie mir für 10 West-Pfennige das Stück ab. Das war viel Geld damals. Von den Fotos, dachte ich, würde ich einfach neue Abzüge machen.

„Klärung eines Sachverhalts“

Auf der Baustelle rief mich einige Tage danach der Meister in den Bauwagen. Dort erwarteten mich zwei Herren, die mich energisch aufforderten, mitzukommen.

„Was ist denn los?“, fragte ich.

„Klärung eines Sachverhalts“. Sie waren von der Stasi und brachten mich in ihr Büro.

„Sie waren doch in Berlin und sie haben doch Fotos gemacht“, sagte einer. Ich dachte, die wollten mich nur noch mal zu dem Vorgang damals befragen. Damit hatte ich gerechnet.

„Ja“, sagte ich, „Stadtmotive“.

Dann zog er die Schublade seines Schreibtischs auf, holte einen Stapel Fotos heraus und knallte sie auf den Tisch. Es waren die Bilder, die ich diesem Kellner verkauft hatte.

„Nennen Sie das Stadtmotive!? Das sind Grenzanlagen! Das sind Sicherheitsanlagen! Wie kommen Sie dazu, solche Fotos zu machen – und auch noch zu verkaufen!?“

Ich versuchte zu erklären, dass ich nur zeigen wollte, wie gut wir in der Deutschen Demokratischen Republik gesichert waren.

„Wollen Sie mich verarschen!?“, brüllte mich der Typ an.

Als er sich abgeregt hatte, schickten sie mich wieder nach Hause und gaben mir noch einen Gruß mit: „Seien Sie froh, dass Sie so einen guten Genossen als Vater haben. Aber wir sprechen uns wieder!“

Wenn ich abhauen wollte, dann bald. Ich besorgte mir einen neuen Ausweis und ein bisschen Geld, verkaufte für 250 Ost-Mark einen alten, antiken Sekretär vom Dachboden. Dann ließ ich mich krankschreiben und fuhr mit dem Zug nach Berlin.

Es war der 4. November 1969. Ich war 16 Jahre alt.

Auf der Fahrt unterhielt ich mich mit einem Berliner, der mir anbot, bei ihm zu übernachten. Ich ging mit zu ihm – und als ich am nächsten Morgen aus dem Bad kam, war meine Brieftasche leer. Ich stellte ihn zur Rede. Er wüsste nichts von dem Geld, sagte er und setzte mich vor die Tür. Ich hatte nur noch ein paar Münzen. Eine Übernachtung würde ich nicht mehr bezahlen und auch nichts zu essen kaufen können. Ich machte mich auf den Weg zur Oderberger Straße, aber mir war klar, dass ein Fluchtversuch bei Tageslicht sinnlos war. Ich verließ das Grenzgebiet wieder, schlug die Zeit tot und ich dachte nach, ich dachte zu viel nach.

Ich suchte noch einmal in der Umgebung nach einer geeigneteren Stelle, nur kannte ich keine so gut wie die, die ich von oben fotografiert hatte. Ich verlor meine Moral, ich zweifelte, dass ich es schaffen könnte. Als die Nacht anbrach, wurde es kalt. Mein Mund war trocken vom Durst und der Hunger brannte im Magen. Wieder ging ich zur Oderberger Straße, aber das Haus, von dem aus ich die Grenzanlagen fotografiert hatte, war nun verschlossen. In einem Nachbarhaus stand eine Kellertür offen. Ich legte mich dort in einem Verschlag auf einen Kartoffelsack und versuchte zu schlafen. Am nächsten Tag setzte ich mich mittags in eine Mitropa-Gaststätte an einer S-Bahn-Station. Ich bestellte etwas zu essen und ein Bier. Meine Jacke behielt ich an. Als ich aufgegessen hatte, legte ich die Streichhölzer auf meine Zigarettenschachtel, ließ mein halbvolles Glas Bier stehen und tat so, als würde ich zur Toilette gehen. Es sollte so aussehen, als käme ich wieder. Ich prellte die Zeche und machte mich davon.

Die andere Welt war so nah

Aus meiner Verzweiflung fasste ich neuen Mut. Auf keinen Fall wollte ich wieder zurück nach Jena. Ich wollte nicht mehr auf die Baustelle und mich schinden, ohne zu wissen, wofür. Und ich hatte Angst vor der Stasi. Ich sagte mir, du musst es schaffen, du musst rüber!

In der Dämmerung ging ich zurück in die Oderberger Straße. Die Tür war offen. Einige Etagen weiter oben sah ich über die Grenze in den Westen. Diese andere Welt: so nahe. Und mein Wille war nun grenzenlos stark.

Ich ging in den Innenhof und schob mit lautem Getöse ein schweres Wäschegerüst bis an eine Mauer. Ich hangelte mich hoch und lugte darüber. Gleich dahinter war eine Hundelaufanlage, die ich auf meinen Fotos nicht hatte sehen können. Ein Schäferhund war daran mit langer Leine angebunden. Ich eilte zurück ins Treppenhaus, um den Grenzstreifen eine Weile zu beobachten. Hin und wieder fuhren Grenzer über den Schotterweg. Ich beobachtete die Lichtkegel der Suchscheinwerfer und versuchte, mir den Rhythmus einzuprägen, in dem sie sich bewegten. Dann sah ich ein Mädchen, das aus der Wohnung nebenan durch ein Fenster nach draußen blickte. Hatte sie mich gesehen? In Panik rannte ich aus dem Haus. Als ich wieder zur Ruhe gekommen war und zurückging, war das Mädchen noch immer da. Es war, als hätte sich alles gegen mich verschworen, als wäre mein Plan von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Ich ging wieder auf die Straße und streunte eine Weile umher.

„Dann sprang ich.“

Als ich zurückkehrte, war die Haustür wieder verschlossen. Aber ich wusste, dass sich mehrere Häuser diesen Innenhof teilten und hatte Glück. Durch ein Nachbarhaus fand ich einen Zugang. Ich kletterte wieder auf das Wäschegerüst, sah mich um, entdeckte keine Grenzer und erspähte den Hund in einiger Entfernung. Jetzt oder nie! Ich stieg auf die Mauer.

Dann sprang ich.

Ich landete und sprintete los, über den Schotterweg und über Stolperdrähte, ich krabbelte über die Panzersperren und rannte weiter bis zu dieser Ecke, wo die Mauer endete. Der Maschendrahtzaun war fast drei Meter hoch und aus kleinen, verzinkten Metallkarrees. Einfach drüberklettern konnte ich nicht. Keinen Meter entfernt war eine Panzersperre einbetoniert. Ich stieg darauf und hechtete an den Zaun. Meine Hände griffen in die scharfen Spitzen an seiner Oberkante. Ich weiß nicht mehr, wie mir das gelang, aber ich zog mich hoch, zerriss mir die Hose und stand zwischen den Resten der alten und der neugebauten Mauer. Von dort huschte ich auf die Bernauer Straße.

Die Grenzer wurden zu spät wach

Meine Flucht in die Bundesrepublik war geglückt. Mein zweites Leben im Westen sollte beginnen. Ich lief einigen französischen Militärpolizisten in die Arme. Sie hatten mich von einem Touristenstand gegenüber die ganze Zeit beobachtet, hatten mich schon entdeckt, als ich auf das Wäschegerüst gestiegen war. Sie riefen die Polizei, die mit zwei VW-Käfern und Blaulicht die Bernauer Straße heraufraste. Erst jetzt wurden die ostdeutschen Grenzer wach, schlugen Alarm und zündeten Leuchtraketen. Zu spät. Ich war weg.

Die Polizei kutschierte mich ins Notaufnahmelager nach Marienfelde. Ich blieb dort eine Woche und musste den Amerikanern, den Franzosen und den Briten ausführlich Rede und Antwort stehen. Sie wollten alles sehr genau wissen: Wer meine Eltern waren, was sie machten und warum ich abgehauen war. Ich erschrak, als man berichtete, dass an dieser Stelle der Grenze schon mehrere Flüchtende erschossen worden waren.

Einer der Männer fragte mich „Was würden Sie denn machen, wenn wir Sie wieder in die DDR zurückschickten?“ Ich war noch minderjährig. Deshalb zogen sie diese Option ernsthaft in Erwägung. Ich sah ihn entsetzt an, stammelte erst und sagte dann: „Ich würde sofort wieder abhauen.“ Das war wahrscheinlich mein Glück. Ich glaube, sonst hätten sie mich tatsächlich wieder zurückgebracht.

Bevor sie mich nach Hannover ausflogen, schrieb ich meinen Eltern eine farbige Postkarte: „Schöne Grüße aus West-Berlin. Ich komme nicht wieder.“ Mein Vater ging mit dieser Karte zur Stasi, quasi als Beweis, dass ich im Westen war. Er wurde nicht mehr befördert und irgendeinen Orden, der ihm verliehen werden sollte, bekam er auch nicht. Ich zog zur Familie meiner Mutter nach Braunschweig und begann eine Lehre als Autoschlosser. Drei Jahre später, zum Jahrestag der DDR, trat eine Amnestie in Kraft. Für mich bedeutete dies, dass der Haftbefehl gegen mich fallengelassen wurde. Ich durfte wieder in den Osten einreisen und besuchte hin und wieder meine Familie.

Mein Bruder wollte die DDR auch verlassen, wie er mir eines Tages anvertraute. Wir schrieben uns Briefe, trafen uns ab und an in Ost-Berlin. Dorthin durfte ich als Westdeutscher mit einem Tagesvisum reisen. Wir spazierten über den Alexanderplatz und schmiedeten Pläne. Wir wussten, dass auf den Transitstrecken eigentlich nicht kontrolliert wurde. Aber wenn, dann war ein Kofferraum kein gutes Versteck. Das wollten wir nicht wagen. Im Tank aber könnte es gehen, dachten wir.

Zurück in Braunschweig kaufte ich einen VW-Bus. Ein Arbeitskollege half mir, den Tank auszubauen und die Spritversorgung auf zwei große Kanister umzurüsten. Er wollte auch den Bus fahren, während ich mit meinem Wagen meinen Bruder abholte, der auf der Transitstrecke kurz vor dem Grenzübergang Marienborn in das Versteck im Tankraum des Busses umsteigen sollte. Auf der Rückfahrt von West-Berlin in die Bundesrepublik sollte der Plan mit seiner Freundin funktionieren.

Als der Tag gekommen war, fuhr ich über Eisenach in die DDR. Mein Bruder stieg in Jena zu und wir fuhren Richtung Berlin. Plötzlich sahen wir in der Ferne die Grenzanlagen – und mein Bruder saß noch immer in meinem Auto. Wir hatten offenbar den letzten Parkplatz verpasst. Wir wendeten kurzerhand auf der Transitstrecke. Die Autobahnen hatten damals ja noch keine Leitplanken. Hinter irgendeinem Busch auf dem Rastplatz hielten wir. Der VW-Bus stoppte und wir verloren keine Zeit. Wir verbauten meinen Bruder im Tankraum. Dann hielten wir auf die Grenze zu.

Meine Passkontrolle war zügig erledigt.

Ich wartete auf der anderen Seite – und unser VW-Bus kam und kam nicht. Mit jeder Minute, die verging, stieg meine Anspannung. Viel auffälliger als wir hätte man sich auf der Transitstrecke ja kaum verhalten können. Dann endlich sah ich ihn. Mein Kollege, der am Steuer saß, erzählte, dass er kontrolliert worden war und sich mit den Grenzern unterhalten hatte. Ich konnte nicht zuhören. Ich stürmte an den Tank und rief den Namen meines Bruders. Er antwortete nicht. Wir hatten vorher nie getestet, wie viel Luft im Tankraum war und wie lange man es dort wohl aushalten könnte. Mit bloßen Händen riss ich die Verkleidung ab, ich war völlig panisch. Und dahinter kauerte mein Bruder – schweißgebadet, aber lebendig. Ich sagte nur: „Wir sind im Westen.“ Er konnte es noch nicht fassen, aber die Freude war groß. Wir fielen uns in die Arme und verabschiedeten uns, auf bald in der Bundesrepublik. Er musste ja erst einmal in West-Berlin bleiben und die Formalitäten erledigen.

„Ich hätte die Flucht abblasen müssen.“

Und dann, auf dem Rückweg, kam die Freundin meines Bruders nicht zum verabredeten Treffpunkt. Ich wartete eine Weile. Schließlich fuhr ich ohne sie zurück nach Braunschweig.

Wir schrieben ihr. Sie antwortete, dass wir uns einfach verpasst hatten. Wir wollten es einige Wochen später noch einmal versuchen, nach dem erfolgreichen Prinzip, mit einem umgebauten VW-Bus. Doch dieses Mal ging der Plan schief. Ich hätte es ahnen sollen, ich hätte die Flucht abblasen müssen.

Die Fluchthilfe scheitert

Nachdem ich sie abgeholt hatte, sah ich im Rückspiegel ein Auto, das uns folgte. Aber ich zog daraus keine Schlüsse. Sie war wohl seit der Flucht meines Bruders beschattet worden. Wir ließen sie umsteigen in den Tankraum des VW-Busses und fuhren auf den Grenzübergang Marienborn. Ich hatte Abstand gehalten. Als ich dort ankam, war das Gelände wie leergefegt. Kein einziges Fahrzeug. Dort, wo sonst zahlreiche Autos in mehreren Spuren Schlange standen und auf ihre Passkontrolle warteten, stand niemand. Es war gespenstisch. Mir wurde in diesem Moment klar, dass wir gescheitert waren.

Mir wurde die erste Schranke geöffnet, auch die zweite und vor der dritten stoppten sie mich. Ich sollte in eine Garage fahren. Dort zogen mich Uniformierte aus dem Wagen und führten mich durch mehrere Gänge. Einige Türen standen offen und in einem Raum sah ich die Freundin meines Bruders sitzen. Meinen Arbeitskollegen, der den Bus gefahren hatte, konnte ich nicht entdecken. Man führte mich in ein Vernehmungszimmer. Nach einer Weile kam jemand und begann das Verhör. Ich bräuchte gar nichts zu leugnen, sagte er mir harsch, die anderen hätten schon alles gestanden. Und außerdem habe man uns pausenlos beobachtet.

„Wir wissen alles“, zischte der Kerl.

30 Stunden lang nahmen sie mich in die Mangel, ohne Pausen und ohne Mahlzeiten. Ich durfte nicht einmal kurz aufstehen, um mir die Beine zu vertreten. Schließlich legten sie mir Handschellen an und brachten mich in einen Transporter, mit kleinen Einzelzellen ohne Fenster. Es war stockfinster und eng wie in einer Kartoffelkiste. Wir fuhren stundenlang, bis ich ein Rolltor hörte, das scheppernd aufgefahren wurde. Ich war völlig am Ende, als sie mich aus dem Transporter holten. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an das grelle Licht. Ein Wärter packte mich und brüllte mich an:

„Guckense nich’! Los, gehnse, gehnse!“

In einem vergitterten Vorraum empfing mich ein fetter Typ mit strengem Gesichtsausdruck. Er stellte sich als Staatsanwalt vor und sagte: „Sie befinden sich hier in Untersuchungshaft.“ Ich musste mich ausziehen und bekam einen kratzigen, schwarzen Filzanzug. Dann trieben sie mich die Treppen hoch, vier Etagen, und oben durch einen langen Gang. Es stank erbärmlich. Links und rechts schwere Türen, jede verschlossen mit drei Riegeln, gesichert mit einem Sperrhaken. Die letzte Zelle, ganz hinten, öffneten die Schließer. Die Haken klackten laut, und als sie Riegel aus den Ösen zogen quietschte das Metall unerträglich. Sie stießen mich in die Zelle.

Dann hörte ich nur noch, wie sie die Tür lärmend hinter mir verschlossen.

Detlef Hubertus Peuker, Jahrgang 1953, geboren in Braunschweig, zog als Kind mit seinen Eltern in die DDR. Nach seiner Flucht ging er von der West-Berliner Seite noch oft zurück an die Bernauer Straße. Peuker lebt mit seiner Familie wieder in Braunschweig.