NACHTFLUG Nur raus hier!

Ein Magazin, das ihm eine Verwandte aus dem Westen gibt, bringt Günter Wetzel auf eine Idee. Er will die DDR auf dem Luftweg verlassen, zusammen mit zwei Familien. In einem Ballon. Ist das möglich? Oder Wahnsinn? Als die Stasi nach ihnen fahndet, wird die Zeit knapp.

An diesem Samstag im September 1979 zieht ein leichter Regenschauer über Thüringen. Als der Himmel schließlich aufklart, fahren wir hinauf auf einen Berg, sehen den Wolken nach und halten den Finger in den Wind. Es weht aus dem Norden, genau, wie es das Radio vorhergesagt hat. Wir wissen: Dieser Tag ist perfekt. Unser Tag. In der Nacht werden wir es wagen.

Der Wind soll unseren Heißluftballon in den Süden tragen, über die Wälder und über den Todesstreifen, hinüber nach Franken.

In ein neues Leben.

Eineinhalb Jahre lang haben wir unsere Flucht geplant und noch länger mit diesem Gedanken gerungen: Nur raus hier.

Ich war damals 24 Jahre alt, fünf Jahre verheiratet, hatte zwei Söhne, fünf und zwei. Ich war auf dem Land aufgewachsen, in Grobengereuth, einem kleinen Dorf nahe der Stadt Pößneck. Die Menschen in der Gegend mochten die DDR nicht besonders; viele Bauern waren Mitte der 1950er-Jahre enteignet worden, als man das Land kollektivierte und sie zwang, sich einer LPG anzuschließen, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Ich war noch ein Kind, aber ich glaube, diese Stimmung hat mich geprägt. Als Junge stromerte ich gerne durchs Dorf, die Maschinen-Traktoren-Station, die Werkstatt, war mein Lieblingsspielplatz. Ich schaute den Männern zu, wie sie an den Maschinen schraubten. Manchmal durfte ich auch selbst mit anpacken. Nach der achten Klasse ging ich von der Schule, wollte Kfz-Mechaniker werden und bewarb mich. Aber es gab kaum Werkstätten und nur wenige Ausbildungsplätze. Auf dem Bau und in der Landwirtschaft war der Bedarf groß. Ich wurde Maurer.

Meine Zukunft hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ich wollte nicht auf den Bau, sondern Physik studieren. Ich holte während meiner Lehre die zehnte Klasse nach und als ich Geselle wurde, wollte ich auf der Abendschule mein Abitur machen. Doch nach einem Vierteljahr brach ich wieder ab, weil man mir sagte, dass meine Hoffnungen auf einen Studienplatz unbegründet wären. Es sei denn, ich würde in die SED eintreten. Das kam für mich nicht in Frage. Ich wollte kein Mitläufer sein in diesem Staat. Ich wollte nicht billigen, wie man mit den Menschen umging. Ich konnte nicht.

1969, als man „20 Jahre DDR“ feierte, sollte alles perfekt aussehen – auch die Jugendlichen. Also wurden alle, die lange Haare trugen, eingefangen und mit einem sozialistisch korrekten Haarschnitt versehen. Militärisch kurz. Man kann sagen: Die sind geschoren worden wie Schafe, auch einige meiner Freunde. Eines Tages ließ die Partei die Antennen von den Hausdächern nehmen, mit denen die Leute West-Fernsehen schauen konnten. Wir nannten sie die „Ochsenkopfantennen“, weil der Sender auf dem Ochsenkopf im Fichtelgebirge stand. Das störte mich. Ich sah eigentlich nur die Programme aus dem Westen und in den Nachrichten eine andere Wahrheit.

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Man wusste meist, wer ein Stasi-Spitzel war: die Leute, die gerne geschnüffelt haben, die immer dabei sein und alles wissen wollten. Man ist ihnen gegenüber vorsichtig geworden und hat versucht, sich von ihnen fernzuhalten. Ich wollte mit all dem einfach nichts zu tun haben und trat deswegen nicht in die Partei ein. Auch, wenn das für mich hieß, Maurer zu bleiben.

Ich fand es schlimm, obwohl ich die Baumaschinen reparieren durfte. Fünf Jahre ging das so. Man kam kaum aus dem Job raus. Außer in der Landwirtschaft gab es in allen Branchen einen Einstellungsstopp für Leute aus dem Bau. Ich fing in einem landwirtschaftlichen Forstbetrieb an. Es war die einzige Möglichkeit, die Schufterei auf dem Bau hinter mir zu lassen. Ich machte noch einmal eine Lehre, zum Forstfacharbeiter. Zuerst wurde ich im Einschlag eingesetzt, fällte Bäume. Im zweiten Jahr durfte ich den Schlepper fahren, mit dem wir die Stämme aus dem Wald brachten. Dann wurde unsere Produktionsgenossenschaft in einen Staatsforstbetrieb umgewandelt. Mein Glück: Ich konnte zwar noch immer nicht als Mechaniker in einer Werkstatt arbeiten, aber immerhin eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer beginnen. Der dritte Beruf, den ich lernte. Der Job gefiel mir besser, aber zufrieden war ich nicht mit meinem Leben.

Ein Verbündeter

Nach Ende der Ausbildung traf ich Peter Strelzyk. Die Familie meiner Frau hatte Verwandte im Westen, die manchmal zu Besuch kamen. Abends saßen wir beisammen, grillten, tranken Bier und ich hörte zu, wie Strelzyk sich mit den Leuten aus dem Westen unterhielt. Auch ihm schien es nicht besonders gut zu gefallen in der DDR. Wir freundeten uns an, aber ich blieb vorsichtig. Man wusste nie so genau, wem man vertrauen durfte, und ich hatte gehört, dass Strelzyk angeblich SED-Mitglied war.

Wir fanden schnell gemeinsame Themen: Wir waren technisch versiert. Er arbeitete als Elektrotechniker und wir dachten, dass wir ganz gut zusammenarbeiten könnten. Wir kündigten unsere Jobs und machten uns selbstständig. Eigentlich ging das in der DDR nicht, nur „Feierabendarbeit“ war erlaubt. Für uns wurde es Ganztagesarbeit, doch das fiel niemandem auf. Wir erledigten Elektroinstallationen, zum Beispiel im Lederwerk in Pößneck: Kabel ziehen, Schaltungen einrichten. In einem Spritzgussbetrieb im Thüringer Wald bauten wir die handhebelgesteuerten Maschinen, mit denen Kunststoffteile hergestellt wurden, zu Vollautomaten um. Strelzyk hatte Ahnung und entwickelte die Schaltung selbst. Das war recht modern und wir verdienten gutes Geld.

Im Laufe der Wochen verlor ich meine Vorsicht. Im Frühjahr 1978 sprachen wir immer öfter darüber, wie wir das Land verlassen könnten. Wir steigerten uns richtig in dieses Thema hinein und sahen alles um uns herum, das gesamte Leben in der DDR, immer negativer, eingeschränkter und bedrückender. Wir sahen uns Karl-Eduard von Schnitzler mit seinem Propaganda-Programm „Der schwarze Kanal“ an – und wir wussten, warum wir gehen wollten. Wir spielten alle möglichen Ideen durch, aber keine schien eine wirkliche Lösung zu sein. Wir waren acht Personen. Frauen und Kinder wollten wir auf keinen Fall zurücklassen. Wir dachten an den Landweg, daran, durch die Saale zu schwimmen. Wir hörten von einem Fluchtunternehmen, das aus Oberfranken mit einem Helikopter Leute in der Tschechoslowakei holte. Als man die Männer erwischte, hatte sich auch dieser Plan zerschlagen.

Ein Heißluftballon für die Flucht

Meine Frau war bei Pflegeeltern aufgewachsen, deren Tochter noch vor dem Mauerbau in den Westen gegangen war. Als sie uns besuchte, gab sie mir eine Zeitschrift. Darin las ich einen großen Bericht über das Ballonfahrertreffen in Albuquerque, New Mexico, USA. Ich war elektrisiert und zeigte Strelzyk den Bericht. Am 7. März 1978, einen Tag vor dem Internationalen Frauentag, der in der DDR gefeiert wurde, trafen wir die Entscheidung, einen Heißluftballon zu bauen, um damit in den Westen zu fliehen. Wir zeichneten gleich den ersten Plan.

Zuerst mussten wir verstehen, wie ein Ballon funktioniert. Dabei half mir mein Interesse für die Physik: In dem Ballon ist Luft. Und wenn man diese Luft erwärmt, nimmt ihre Dichte ab. Die Luft in der Hülle ist dann leichter als die umgebende Luft. Wenn die Luft im Ballon nur genug aufgeheizt wird, entsteht eine Auftriebskraft, die den Ballon samt Gondel anhebt und schweben lässt. Die Richtung, in die er sich bewegt, bestimmt der Wind.

Unsere Frauen nahmen unsere Pläne zunächst nicht ganz ernst. Wir redeten so lange auf sie ein, bis wir selbst glaubten, dass alles kein Problem wäre. Ich überlegte, wie groß ein Ballon sein müsste, um uns alle zu tragen. Ich untersuchte die Bilder in der Zeitschrift, nahm an, dass die Menschen dort etwa 1,80 Meter groß waren und rechnete nach: Wir würden wohl achthundert Quadratmeter Stoff brauchen.

Im Lederwerk nutzten wir unseren guten Draht zum Lagerleiter, den wir um ein paar Rollen Stoff baten, um ein Zelt zu bauen. Er nahm nicht einmal Geld dafür. Es handelte sich um Futterstoff, der im Werk in die Ledertaschen eingenäht wurde. Wir brachten den Stoff in unser Haus. Dort rollte ich ihn im Flur aus, schnitt die Bahnen in verschobene Rechtecke und trug sie in unser Schlafzimmer im Dachgeschoss. Fast zwei Monate lang nähte ich die Stoffteile mit Schuhgarn und der alten Gritzner-Nähmaschine meiner Schwiegermutter aneinander. Ein Teil nach dem anderen zog ich unter der ratternden Nadel durch, bis der Haufen Stoff, der neben der Maschine wuchs, ein vollständiger Ballon war.

Wir brauchten einen Brenner, um die Luft zu erhitzen. Für meinen ersten Versuch nahm ich eine Gasflasche, stülpte ein Ofenrohr über das Ventil, drehte es auf, zündete ein Streichholz an und hielt es vor das Rohr. Ich konnte das Gas leiten, die Flamme brannte sauber und ich konnte ihre Größe über das Ventil regeln. Aber ich glaubte, mehr Leistung zu brauchen. Also baute ich einen Brenner aus vier Rohren, in die wir Düsen bohrten. Ein gut gemeinter Versuch, aber dieser Brenner war so stark, dass der ganze Ballon sofort Feuer gefangen hätte. Elf Kilogramm Gas aus der Flasche waren im Nu verbraucht. Ein Brenner mit einem Rohr sollte reichen.

Doch es gab ein Problem: Wenn man sehr schnell viel Gas aus einer Flasche entnimmt, wird die Flasche immer kälter und vereist schließlich. Genau dies passierte. Das Gas kühlte zu sehr ab – und die Flamme wurde immer kleiner. So würden wir nicht weit kommen, also experimentierten wir mit einem Benzinbrenner. Aber diese Konstruktion war zu schwer, und bei einem Versuch mit einer zweiten Sauerstoffflasche müssen viele Schutzengel um uns herumgeflattert sein. Das Ding hätte uns um die Ohren fliegen können. Also doch der Gasbrenner.

Den Korb bauten wir aus Winkeleisen, einer Blechplatte, vier Stangen an den Ecken und Wäscheleinen, die als Geländer diente. Den Ballon banden wir an den Stangen fest. Unsere Flucht planten wir für das Ende des Monats. Ich hatte dazu einen Mietwagen reserviert, was mehrere Wochen Vorlauf benötigte. Damit wollten wir in die ČSSR fahren, weil wir glaubten, dass es sicherer war, als in Thüringen loszufliegen.

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Es war Mitte Mai und an der Zeit, unseren Ballon zu testen. Nach Mitternacht fuhren wir auf eine umwaldete Wiese südlich von Ziegenrück und breiteten den Ballon aus. Wir hielten die Öffnung vorne auf, leiteten mit dem Brenner heiße Luft hinein und schüttelten sie nach hinten. Aber unser Ballon füllte sich nicht. Der Futterstoff aus den Ledertaschen war viel zu durchlässig. Ob es klappen konnte, wenn wir den Ballon aufhängten? Wir versuchten es im Steinbruch Döbritz, wo wir den Ballon herablassen wollten. Als wir den Stoff ausgebreitet und den Brenner aufgestellt hatten, sah Strelzyk einen Schatten. Wir bekamen es mit der Angst zu tun, packten das ganze Zeug eilig zusammen, schmissen alles in den Anhänger und rasten davon. Am Ende des Feldweges hielten wir an, um unsere Ladung zu prüfen. Unser Ballon hing aus dem Anhänger heraus und war zerfetzt. Das Fluchtvorhaben war vorerst gescheitert. Wir brauchten besseren, dichteren Stoff.

Zu Hause baute ich ein Messgerät, um die Luftdurchlässigkeit des Stoffs zu bestimmen: Ich nahm einen Blechkasten, an den ich auf der einen Seite einen Staubsauger anschloss, und einen regelbaren Trafo, um die Drehzahl und damit den Saugdruck des Staubsaugers einstellen zu können. Über die andere Seite des Kastens spannte ich den Stoff. Außerdem baute ich einen Schlauch daran, den ich mit Wasser füllte, um an der Höhe des Wasserstandes den Unterdruck im Kasten abzulesen. Je höher der Unterdruck, desto dichter war der Stoff.

Mehr als 1000 Quadratmeter Stoff

Wir testeten verschiedene Stoffe. Vier schienen geeignet: Taft – ein Stoff für Kleider. Bett-Inlett – dicht, aber schwer. Regenschirmseide und Zeltstoff, beide ideal, doch kaum zu bekommen. Wir fuhren nach Leipzig, ins Konsument-Kaufhaus, und erzählten, dass wir vom „Segelsportverein Hohenwartetalsperre“ wären und Stoff für neue Segel und Zelte bräuchten. Dass es den Verein gar nicht gab, ahnte die Verkäuferin nicht. Wir kauften weit über 1000 Quadratmeter Taft-Stoff, der für Zelte und Segel völlig ungeeignet war – auch das ahnte die Verkäuferin nicht. Ich begann damit, den zweiten Ballon zu nähen.

Während der Arbeit stritten Strelzyk und ich immer öfter. Mich trieben Zweifel an der Tüchtigkeit unseres Ballons um. Der Brenner funktionierte noch nicht richtig, wir würden die Luft nicht genügend erwärmen können. Ich fürchtete, der Ballon wäre zu klein, um uns alle zu tragen. Ich hatte mich mittlerweile sehr intensiv mit Ballons auseinandergesetzt, immer wieder nachgerechnet und getüftelt. Nach längerem Überlegen beschlossen meine Frau und ich, aus der ganzen Sache auszusteigen. Strelzyk war sicher, mit diesem Ballon fliehen zu können, und machte weiter. Ich fuhr wieder Lkw.

Ich hatte eine andere Idee: Ich wollte für meine Familie ein Leichtflugzeug bauen. Ich beschäftigte mich mit Physik von Flugzeugen, besorgte Aluminiumrohre und Stoff. Als ich im Frühjahr 1979 begann, das Flugzeug zu bauen, hörte ich, dass im Grenzgebiet ein Ballon gefunden worden war. Strelzyk.

Kurz darauf kam er zu mir und fragte, ob wir es nicht noch einmal gemeinsam mit einem Ballon versuchen wollten. Der Ballon war zwar gestiegen, doch der Stoff hatte sich in niedrig hängenden Wolken mit Feuchtigkeit vollgesogen und war zu schwer geworden. Im Grenzgebiet bei Bad Lobenstein mussten sie landen, konnten aber abhauen, ohne erwischt zu werden. Strelzyk hatte unbemerkt Auto und Anhänger, Gebläse und den zweiten Brenner, den sie zum Aufbau des Ballons genutzt hatten, am Startplatz abholen können.

Noch ein Ballon – nur zweimal so groß

Ein neuer Brenner für den Ballon selbst war schnell gebaut. Um den neuen Korb kümmerte sich Strelzyk und ich stimmte zu, den dritten Ballon zu nähen. Unter einer Bedingung: Er sollte deutlich größer sein als die ersten beiden. Doppelt so groß.

Ich verstand in diesen Tagen, dass uns gar nichts anderes übrig blieb, als bald die Flucht zu wagen. Der zweite Ballon war schließlich gefunden worden – und meine Frau und ich hingen mit drin, wenn die Stasi die Spur zu Strelzyk finden würde. Es war Ende Juli 1979. Ich ging zum Arzt und ließ mich krankschreiben. Zusammen mit meinem Urlaub hatten wir damit fünf Wochen Zeit. In der ersten Woche fuhren wir alle los und kauften Stoff. Dieses Mal nur in kleinen Mengen, weil wir unter keinen Umständen auffallen wollten. Wir wussten, dass die Idee nun bekannt war.

Bis nach Rostock fuhren wir. In Erfurt waren Strelzyk und ich gemeinsam unterwegs, als uns ein Polizist den Weg verstellte, mit Stoff im Kofferraum. Mir schoss in den Kopf: Jetzt haben sie uns! Aber der Polizist zeigte nur auf ein blaues Schild: Einbahnstraße. Und wir fuhren gerade aus entgegengesetzter Fahrtrichtung heraus. Die anderthalb Stunden auf der Heimfahrt schwiegen wir, so erschrocken waren wir. In Saalfeld sagte uns eine Verkäuferin, sie hätte unseren Stoff da. Dann ging sie nach hinten und verschwand in einem anderen Raum. Wir glaubten: Die meldet uns bei der Stasi. Wir warteten trotzdem. Sie kam zurück und hatte den Stoff über dem Arm. Wir bezahlten und fuhren heim, mit der Vorahnung, dass uns die Stasi erwartete. Doch die Dame hatte tatsächlich nur in Ruhe unseren Stoff vermessen wollen.

„Wir arbeiteten Tag und Nacht.“

Ich blieb nun zu Hause und nähte, mit der Hilfe von Strelzyks 15-jährigem Sohn. Seine Eltern und meine Frau besorgten weiterhin Stoff. Sie gaben allerlei erfundene Gründe an, um zu kaufen, was sie finden konnten: Taft, Bett-Inlett, Regenschirmseide, Zeltstoff. Der Ballon wurde schön bunt. In unserer Tageszeitung, der „Volkswacht“, las ich am 14. August, dass die Stasi Hinweise suchte nach dem Besitzer einiger Werkzeuge, die sie mit dem Ballon nach Strelzyks misslungener Flucht gefunden hatte. Der Druck stieg. Wir arbeiteten Tag und Nacht.

Kurz vor meinem Urlaubsende, am Freitag, fuhr ich in meinen Betrieb, um meine Aufträge für die kommende Woche abzuholen. Wir mussten ja unter allen Umständen unauffällig bleiben und Normalität vorgaukeln. Einem Bekannten von uns aus dem Westen hatten wir schon lange vorher ein Foto von unseren Näharbeiten mitgegeben, als er uns besucht hatte. Damit er irgendeinen Beweis hatte, falls unsere Flucht scheiterte – in der Hoffnung, dass die Bundesregierung dann etwas für uns tun könnte, falls wir im Gefängnis landeten. Im Radio hörte ich den Wetterbericht: Am Samstag sollten die Bedingungen genau so sein, wie wir sie brauchten. Stabile Wetterlage. Nordwind. Es war klar: Wir müssen heute los!

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Abends, um zehn Uhr, ist der Ballon fertig. Aber in der Eile habe ich ein wenig ungenau gearbeitet. Oben, wo die zwölf Tragseile aus Wäscheleinen zusammenlaufen, blieb ein Loch. Ich nähe eine Stoffkappe drüber. Wir fahren auf den Berg und prüfen den Wind. Immer noch stabil, immer noch aus dem Norden. Perfekt.

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Eine halbe Stunde vor Mitternacht brechen wir alle auf zum Startplatz. Strelzyks Sohn und ich auf meinem Jawa-Moped, das es kaum schafft; wir müssen jedes Mal stehenbleiben, wenn der Motor zu heiß gelaufen ist. Die anderen fahren im Auto vor und warten auf uns. Sie fürchten schon, man hat uns festgenommen, als wir gegen 00:30 Uhr endlich auf der Waldlichtung zwischen Oberlemnitz und Heinersdorf ankommen. Ganz in der Nähe fahren Züge. Wir hoffen, hier mit dem Lärm unseres Gebläses weniger aufzufallen.

Wir legen den Ballon aus, stellen den Korb und das Gebläse auf, das ich aus einem Motorradmotor mit 27 PS gebaut hatte. Kurz vor halb drei starten wir Brenner und Gebläse. Es dauert kaum fünf Minuten, bis sich der Ballon aufrichtet. Dieses Mal hält der Stoff die Luft. Ein unbeschreibliches Gefühl. Wir sind überwältigt, aber haben keine Zeit, innezuhalten. Alle stehen unter Spannung.

Zuerst steigen Frauen und Kinder in den Korb, dann klettern Strelzyk und ich hinterher. Wir drehen den Brenner auf. Die vier Seile, mit denen wir den Korb im Boden verankert haben, ziehen nochmal richtig an. Strelzyk und ich kappen die ersten – nicht ganz gleichzeitig. Der Korb kippt kurz zur Seite und mit ihm der montierte Brenner. Die Flamme brennt weiter senkrecht, der Ballon fängt Feuer! Zum Glück haben wir einen Feuerlöscher dabei. Strelzyks Sohn blutet am Kopf. Als wir die Seile kappten, ist einer der Heringe aus dem Boden geschleudert worden. Nur eine kleine Platzwunde, ein kurzer Schreck.

Der Ballon hebt ab

Wir schneiden die letzten Seile durch. Der Ballon hebt ab und steigt über die Bäume hinaus. Ich fühle, dass wir es schaffen können. Dann sehe ich nach oben und entdecke ein Loch im Stoff. Die Kappe, die ich provisorisch aufgenäht habe, ist aufgerissen. Was hieß, dass wir während des Flugs permanent heizen müssen. Ich hoffe, dass das Gas reicht, um uns hinter die Grenze zu bringen.

Wir steigen und steigen und schweben durch die mondhelle Nacht. Es ist frisch, um die null Grad, aber wir frieren nicht. Wir sind zu angespannt. Bei 1200 Metern ist der Höhenmesser am Limit. Wir halten Ausschau nach der Grenze. Wir denken, dass sie ausgeleuchtet ist, doch wir sehen nichts. Unter uns ist nur dunkler Wald im schwachen Mondlicht. Als unser Zweijähriger anfängt zu quengeln, singt meine Frau ihm das Lied vom kleinen Teddybären.

„Plötzlich gehen große Suchscheinwerfer an.“

Ich sehe auf die Uhr und schätze die Kilometer, die wir bisher zurückgelegt haben. Etwa zehn müssen es bis zur Grenze sein. Aber noch immer sehen wir nichts, kein Licht. Dann entdecken wir in einiger Entfernung einen kreisrund beleuchteten Hof: den Grenzübergang Rudolphstein an der A 9!

Plötzlich gehen dort große Suchscheinwerfer an, die in unsere Richtung strahlen, aber uns nicht erreichen. Jetzt ist klar, dass wir entdeckt worden sind. Etwas anderes hatten wir nicht erwartet, denn das Feuer unseres Brenners erleuchtet den ganzen Ballon. Wir sind ein leuchtender, heller Ball am Himmel, viel größer als ein Vollmond.

Dann geht uns das Gas aus.

Wir sinken.

Ein paar Mal springt der Brenner wieder kurz an, aber von nun an geht es nur noch abwärts. Wir haben ein paar Lichter gesehen, in der Ferne, von Bauernhöfen, von Dörfern, wohl auch von einer Kleinstadt. Als wir dem Boden immer näher kommen, schalte ich den Scheinwerfer an und leuchte wild umher; in der Hoffnung, dass uns jemand sieht. Dann huschen unter uns ein paar Baumwipfel durch und zwei, drei Sekunden später kracht es auch schon. Wir sind im Gestrüpp aufgeschlagen. Haben wir es über die Grenze geschafft? Wo sind wir? Ich sehe wieder auf die Uhr: Seit 28 Minuten sind wir unterwegs. Das müsste gereicht haben. Oder vielleicht doch nicht?

„Sind wir im Westen?“

Wir krabbeln aus dem Korb und sehen uns um. Wir entscheiden uns, weiter Richtung Süden zu laufen. Wenn wir noch in der DDR sind, werden sie uns sowieso suchen und bald finden. Sie haben uns von Rudolphstein aus gesehen und werden sicher alles mobilisieren.

Also laufen wir einfach los. Wenn wir es geschafft haben, ist alles gut. Wenn nicht, dann laufen wir in die Grenze hinein, aber dann haben wir es wenigstens hinter uns. Wir sind so fertig, auch geistig. Wochenlange Anspannung, Arbeit Tag und Nacht und nun der Flug, eine Mischung aus Konzentration, Hoffen und Bangen. Wir können nicht mehr.

Kleine Felder und ein Fendt

Mir fallen die kleinen Felder auf, Wiesen und abgemähte Getreidefelder, die alle viel kleiner als in der DDR sind und umrandet von Gebüsch. Nicht typisch für den Osten und seine Großflächenwirtschaft. Dann sehen wir einen Elektromast: Überlandwerk Naila. Sagt uns nichts, kennen wir nicht. Strelzyk meint: Wenn das bei uns in Thüringen wäre, würde er es kennen. Noch nie habe ich mich so gefreut, einen Strommast zu sehen.

Wir kommen an eine Scheune. Die Frauen und die Kinder verstecken wir im Gebüsch, dann gehen Strelzyk und ich näher und sehen uns um. Das Tor steht ein bisschen auf. Wir lugen hinein. Da steht ein Fendt-Miststreuer! Den gab es bei uns im Osten nicht! Wir haben es geschafft! Ein Auto hält auf uns zu und bleibt vor uns stehen. Ich sehe die Ringe des Audi, noch bevor die Polizisten ausgestiegen sind. Eine Radarstation in der Nähe hat sie alarmiert, nachdem sie uns am Himmel erspäht haben.

„Sind wir im Westen?“, frage ich.

Eigentlich überflüssig, ich habe schon verstanden. Aber ich mag es selbst noch nicht recht glauben.

„Klar“, sagt einer der Polizisten, „wo sonst?“

Er hat keine Ahnung. Wir holen die Frauen und Kinder aus dem Gebüsch.

Und dann geht der ganze Trubel los. Die Polizei ruft das Rote Kreuz, das uns umsorgt, und das Technische Hilfswerk, das den Ballon birgt. Wenig später kommt der Bürgermeister von Naila, mitten in der Nacht, er hat schon städtische Wohnungen für uns organisiert. Robert Strobel heißt er, ein cleverer Mann. Er sieht für seine Stadt die Chance, die in unserer Geschichte steckt. Er behält recht: Unsere Story ist einige Wochen lang das Thema in Deutschland. Und bald heißt es nicht mehr Naila bei Hof, der nächstgrößeren Stadt, sondern Hof bei Naila. Sogar Hollywood wird die Geschichte verfilmen, wobei manches im Film nicht stimmt.

Die ersten Reporter kommen schon mit dem Bürgermeister an. Radio, Fernsehen und Zeitungen berichten über unsere Flucht. Noch in der gleichen Nacht fahren wir mit den Polizisten vom Rot-Kreuz-Heim zur Polizeistation, wo wir Bericht erstatten. Unser fünfjähriger Sohn schläft in einer Gefängniszelle; die Tür verriegeln sie natürlich nicht. Pro forma eröffnet man fast zwei Dutzend Verfahren gegen uns, etwa wegen Luftraumverletzung; alle werden wieder eingestellt. Danach bringt man meine Frau und mich ins Krankenhaus. Sie hat sich bei der Landung die Wirbelsäule gestaucht, kann die Klinik aber sofort wieder verlassen. Ich habe mir einen heftigen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen und muss eine Woche auf Station bleiben. Dort besucht mich der Bundesnachrichtendienst (BND), der genau wissen will, wie unsere Flucht funktioniert hat und mit wem wir im Vorfeld zu tun hatten.

Strelzyk fädelt unterdessen einen Exklusivvertrag mit dem „Stern“ ein. Die nächsten vier Wochen erscheint dort unsere Geschichte, in jedem Heft ein Teil. In dieser Zeit kümmert sich der Verlag um uns und versteckt uns in verschiedenen Hotels vor anderen Journalisten. Der „Bild“-Zeitung verweigern wir ein Interview und Fotos. Sie veröffentlicht trotzdem ein Gespräch mit uns, das nie stattgefunden hat. In den Medien wird vieles verzerrt.

Im Krankenhaus besucht mich meine Frau und erzählt mir, dass Strelzyk unsere Geschichte so interpretiert, dass er uns eher aus Mitleid mitgenommen hat. Er sei der große Macher. Ich kann es nicht glauben: „Du spinnst doch! Der verbreitet doch nicht so ein Zeug!“ Immerhin habe ich die drei Ballons gebaut, auch wenn er die ganze Sache überwiegend finanziert hatte. Aber meine Frau behält Recht. Er stellt es leider so dar. Es ist uns aber auch den Ärger nicht wert. Wir ziehen uns, als die „Stern“-Berichte veröffentlicht sind, weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Weil uns dieser ganze Medienrummel auf den Geist geht und weil wir nicht so in Erscheinung treten wollen. Um zu vermeiden, dass uns die Stasi allzu lange ihre Aufmerksamkeit schenkt.

Die Stasi ist auch im Westen

Strelzyk ist präsenter, eine Elektrofirma, die er nach der Flucht gründet, geht bald pleite. Die Stasi hatte bei ihm einen IM eingeschleust, der dabei vermutlich seine Finger im Spiel hatte. Auch uns geht die Stasi an, versucht uns über Freunde und Verwandtschaft wieder in den Osten zu locken. Sie spielt auch mit dem Heimweh meiner Frau. Doch wir widerstehen jeder Versuchung, in den Ostblock zu reisen. Und irgendwann haben wir dann auch unsere Ruhe.

In der Bundesrepublik studiere ich nicht Physik, werde aber endlich Kfz-Mechaniker. Ich mache meine Umschulung in einem Ford-Betrieb in Naila und schließe die verkürzte Lehrzeit als bester Lehrling von Oberfranken ab. Im Anschluss an meine Meisterprüfung arbeite ich als Ausbilder für die Handwerkskammer. Nach dem Mauerfall baue ich für Subaru das Händlernetz in den neuen Bundesländern mit auf. Das ist ein Job, wie für mich geschaffen. Heute arbeite ich als Systemtrainer und helfe Autohäusern dabei, ihre EDV- und Garantieabwicklungssysteme zu optimieren.

„Das Einreiseverbot in die DDR besteht noch heute.“

1989, als die Wende kurz bevor stand, kamen Züge mit DDR-Bürgern nach Hof, die in der Prager Botschaft der BRD Zuflucht gefunden hatten und nun ausreisen durften. Ich ging damals jeden Tag zum Bahnhof. Manchmal sprach ich mit den Leuten, ohne allerdings zu erwähnen, dass ich selbst aus dem Osten geflohen war. Ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die Leute waren so glücklich, weil sie es geschafft hatten. Ihr Zug musste auf dem Weg von Prag nach Westdeutschland das Gebiet der DDR durchqueren. Und bis zuletzt wussten sie nicht, ob man sie wirklich gehen ließ. In diese erleichterten Gesichter zu sehen, hat mich wirklich berührt.

Der Haftbefehl, den die DDR nach unserer Flucht gegen mich erlassen hatte, wurde nach neun Jahren, 1988, wieder aufgehoben. Das las ich später in meiner Stasi-Akte. Das Einreiseverbot in die DDR besteht noch heute. Seit die Grenze weg ist, ging aber immer alles gut, wenn ich in die alte Heimat fuhr.

Günter Wetzel, Jahrgang 1955, lernte nach seiner Flucht fliegen. Seit 1992 unterrichtet er in seiner Freizeit in verschiedenen Flugsportvereinen. Wetzel lebt mit seiner Familie in der Fränkischen Schweiz.