TODESSTREIFEN Nur raus hier!

Sie tragen die Haare lang, USA-T-Shirts zum Parka und hören laute Musik. Als die Stasi den Druck erhöht, hält es Henry Leuschner, den alle „Heckebie“ nennen, nicht mehr länger aus. Mit einem Freund schleicht er an die Grenzanlagen. Dann fällt ein Schuss.

Freitagmorgens, wenn ich zur Arbeit ins Lager kam, rief ich im Glaswerk Jena an und verlangte, meinen Kumpel Dietzi zu sprechen. Ich sagte ihm, er solle sich umgehend bei der Staatssicherheit melden. Er wartete kurz, dann rief er in meinem Betrieb an und ließ mir die gleiche Nachricht zukommen.

Damit hatten wir dann den Rest des Tages frei.

Denn die Leute in den Betrieben trauten sich nicht, bei der Stasi anzurufen und nachzufragen, ob wir wirklich dort waren. Dietzi und ich trafen uns in der Stadt und feierten das verlängerte Wochenende, wir genossen das Leben. Irgendwo war immer etwas los. Wir wanderten in den Hügeln um Jena, immer waren wir ein paar Leute, die ältesten vielleicht Anfang 20. Ich war der Jüngste. Wir hatten Gitarren dabei und Kassettenrekorder. Wir ließen uns in den Burgen, Ruinen und Scheunen nieder und drehten die Musik auf, so laut es ging. Blues, Rock und Jazz, „Genesis“ und Frank Zappa, „King Crimson“ und „Ton, Steine, Scherben“.

„Wer aussah wie wir, der war auch einer von uns.“

Manchmal fuhren wir auch in andere Städte, nach Weimar, Suhl oder Dresden und blieben bei Leuten, die wir auf Festivals kennengelernt hatten. In der Szene kannten wir uns damals alle, viele beim Spitznamen. Mich nannten sie „Heckebie“, wie Huckleberry Finn. Wir hatten die Haare lang, feste Jeans und Shell-Parkas. Das war unsere Uniform. Wenn wir einem von uns begegneten, an irgendeinem Bahnhof vielleicht, dann grüßten wir uns. Wer aussah wie wir, der war auch einer von uns.

Den Behörden war unsere Lebenslust natürlich ungeheuer. Wir passten uns nicht an, und sie demonstrierten uns immer wieder, dass sie uns genau im Blick behielten. Wenn wir zu einem Festival reisten, dann stoppten sie manches Mal unseren Zug mitten auf der Strecke. Rechts und links warteten Polizeiautos und Transporter, diese W50. Dann gingen sie durch den Zug: „Fahrscheinkontrolle!“ Niemand besaß einen Fahrschein. Also holten sie uns aus den Waggons und fuhren uns nach Hause. Gar nicht wegen des fehlenden Tickets, sondern nur, damit wir nicht zum Festival kamen. Beim Karneval in Wasungen sagte man uns, es gebe eine Fabrikhalle, in der wir alle übernachten könnten. Wir Deppen gingen tatsächlich dahin, schliefen, und als wir aufwachten, hieß es: „Ausweiskontrolle!“ Sie brachten uns mit ihren Transportern zum Bahnhof und verfrachteten uns in Züge. Ende des Karnevals.

Irgendwie mochten wir diese Spielchen aber auch. Wir waren alle genervt von allem, was uns der Staat vorgab. Und das zeigten wir auch: Wenn das „USA“-T-Shirt nicht reichte, dann sagten wir den Polizisten, was wir von ihnen hielten. Dietzi war vorbestraft, weil er einen Bullen einen „Scheiß-Kommunisten“ genannt hatte. Besonders politisch waren wir nicht. Wir klebten Sticker mit Freiheitsparolen auf Verkehrsschilder, doch das war es schon. Aber diese Vorgaben, diese Einschränkungen und Zwänge einfach hinnehmen? Dass sie uns manchmal wegsperrten, gehörte dazu. Und wer nie in der Zelle saß, der konnte auch nicht mitreden.

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Nur einmal war es richtig unangenehm, an Ostern, am Leipziger Hauptbahnhof. Bahnpolizisten filzten mich. Wegen einer Kleinigkeit nahmen sie mich fest, vielleicht nur wegen meiner blauen Haare. Ich hockte auf der Wache. In einem unbeobachteten Moment sprang ich aus dem Fenster und rannte los. Natürlich fingen sie mich wieder ein, ketteten mich fest und schlugen zu. Sie ließen erst von mir ab, als Kollegen dazwischengingen.

In größeren Städten mussten wir vorsichtiger sein als auf den Dörfern. Denn die Läden, in denen sie unsere DDR-Musik spielten, „Engerling“, „Diestelmann“, „Freygang“, wurden von der Stasi überwacht. Das spürte man, vergaß es auch schnell wieder. Wir eroberten uns einfach die Welt, die uns zur Verfügung stand.

Zu Hause hingen wir auch oft in der Jugendgemeinde ab. Ich war gar nicht christlich, aber das war unser Rückzugsort. Und es war der einzige Ort, an dem wir dank einer Anlage mitten in der Stadt unsere Musik aufdrehen konnten. In Jena fühlte ich mich wie ein Großer. Ich führte ein gutes Leben, verdiente wohl fast so viel Geld wie ein Arzt. Meine Geschäfte waren illegal: Ich verkaufte Shell-Parkas, die ich mir von Westlern an den Transitraststätten oder über Freunde aus West-Berlin besorgte. Das Stück für 400 Ost-Mark. Und ich vertrieb Platten, jede für 100 Ost-Mark. Nur „Keine Macht für Niemand“ von den „Scherben“, die gab ich nie her.

Griff nach der Freiheit

Ich bastelte Schmuck aus Gräten und Perlen, Ohrringe und Ketten, die wir in Studentenwohnheimen an die Mädels verhökerten. Oft blieben wir gleich über Nacht. Wir sahen gut aus, wir waren die Freaks mit den Parkas und den langen Haaren. Wir hatten wirklich gute Zeiten, wild und so ungezwungen, wie es eben ging. Wir griffen uns einfach die Freiheit.

Aber es blieb ein Tanz auf der Klinge der Stasi. In der Schule verweigerte ich den Wehrunterricht. Ich mochte keine Waffen. Was sollte ich mich in eine Uniform zwängen, mit Gasmaske und Luftgewehr? Ich musste deswegen die Schule verlassen und begann eine Lehre als Dachdecker. Als ich mit 17 gemustert wurde, reichte ich gleich den Antrag ein, Bausoldat werden zu wollen. Wenn ich schon zur Armee gehen musste, dann ohne Waffen!

Es dauerte wenige Tage, bis zwei Typen bei mir zu Hause aufkreuzten. Sie wollten wissen, wo ich meinen Antrag geschrieben hatte und wer mir dabei geholfen hatte.

„Ich sage gar nichts“, motzte ich.

„Herr Leuschner“, sagte einer, „Sie wissen gar nicht, in welcher Situation Sie gerade sind.“

„Dann erklären Sie mir doch bitte mal, in welcher Situation ich gerade bin. Bloß, weil ich blaue Haare habe? Ich habe das Recht, diesen Antrag abzugeben. Mehr muss ich dazu nicht sagen.“

Sie nahmen mir meinen Pass ab. Drei Tage später bekam ich einen PM 12, einen vorläufigen Personalausweis. Ich durfte damit die Stadt nicht mehr verlassen und musste mich jeden Dienstag bei der Polizei melden. In den Jahren zuvor waren immer mal wieder ältere Freunde in den Westen geflohen. Irgendwann wollte ich es ihnen nachtun, das war lange klar. Ich passte genau so wenig in dieses System wie sie. Und jetzt hatte mich der Staat in die Enge getrieben.

Ich schrieb meinen Ausreiseantrag. Mein Vater ist Algerier. Er kam ein Jahr vor meiner Geburt zum Studieren in die DDR. Als ich zehn war, kehrte er zurück nach Frankfurt am Main. Ich wollte nichts von ihm wissen. In meinem Antrag aber schrieb ich über ihn. Eine Bezugsperson im Westen anzugeben, konnte mir vielleicht helfen, so hoffte ich.

„Ich warte ein Jahr, dann haue ich ab.“

An 21. März 1980 ging ich zur „Abteilung Inneres“ der Stadt und reichte meinen Antrag ein. Es war mein 18. Geburtstag. Freundlich waren die Beamten dort trotzdem nicht. Sie nahmen ihn mit all ihrer Missachtung entgegen. „Ich warte ein Jahr“, sagte ich, „dann haue ich ab.“ Wirklich ernst meinte ich das nicht. Ich wollte nur meinem Antrag ein wenig Nachdruck verleihen.

Das Jahr verging.

„Lass uns abhauen!“

An einem Morgen Ende März erlösten Dietzi und ich uns wieder einmal per Telefonanruf von der Arbeit. Wir trafen uns am Platz der Kosmonauten. „Lass uns abhauen!“, sagte ich. Er zögerte, doch ich konnte ihn überzeugen. Wir kauften eine Flasche Ost-Wein und tranken sie leer, während wir die Landkarte studierten. Am nächsten Tag nahmen wir den Zug nach Plauen Oelsnitz. Eine Fahrkarte kauften wir uns gar nicht erst. Mit dem Bus fuhren wir dicht an die Grenze. Irgendwo dort, wo alles grün ist, wollten wir vom Vogtland über die Zäune in den Frankenwald. In ein Leben, wie wir es uns vorstellten. Wir stiegen aus dem Bus und gingen zu Fuß, bis die Straßen endeten. Es begann leicht zu schneien.

Wir liefen durch die Wälder und als es längst dunkel war, sahen wir den Grenzstreifen. Ganz weiß lag er vor uns, von einer dünnen Schicht Schnee überzogen. Die Panzersperren und die Metallzäune ragten heraus. Wir blieben stehen und sahen uns um.

„Dietzi“, flüsterte ich. „Da ist jemand!“

Mitten im Wald stand ein Typ, nicht weit von uns im Halbschatten der Bäume, und blickte auf die Grenzzäune. Ein Grenzer?

Und da rannte er los, weg von den Zäunen, tiefer in den Wald. Wahrscheinlich hatte er den gleichen Plan wie wir gehabt, uns gehört und Angst bekommen. Als er verschwunden war, rannten wir auf den Grenzstreifen. Rechts waren Hunde, also rannten wir nach links, durch Panzersperren, über den ersten Zaun und über einen zweiten. Vor dem dritten stoppten wir. Es waren Drähte davor gespannt. Ich hielt einen Grashalm daran. Nichts passierte. Ich fasste sie vorsichtig an. Wieder nichts.

„Ein Schmerz, so intensiv und stechend, wie ich ihn noch nie gespürt hatte.“

Der Zaun war höher als die anderen beiden, mit Stacheldraht an den gebogenen Streben. Ich sprang an einen dieser Bügel. Dietzi drückte mich hoch.

Es krachte fürchterlich.

Wir fielen vom Zaun auf den gefroren Boden. Meine Wade fühlte sich an, als sei sie zerfetzt. Den Schmerz spürte ich zunächst gar nicht, dann kam er. Es war ein Schmerz, so intensiv und stechend, wie ich ihn noch nie gespürt hatte.

Selbstschussanlage schoss hunderte Metallsplitter in Arme, Beine und Brust

Wir hatten eine Selbstschussanlage ausgelöst, die von links und rechts hunderte Metallsplitter abfeuerte. Die Splitter hatten mich überall erwischt. Die meisten steckten im Bein, im Arm und in der Brust. Ich blutete stark.

Auch Dietzi war getroffen. Ihm hatten die Splitter die Füße weggezogen. Er sah mich an, band mir den Arm und das Bein ab. Wir konnten nicht weiter. Wir lagen wenige Meter vom Westen entfernt. Angeschossen und schwer verletzt.

Es dauerte eine Weile, bis Lichtkegel heranrauschten und zwei Geländewagen einige Dutzend Meter entfernt im Schnee bremsten. Mehrere Männer sprangen ab. Ich hörte den Schuss eines Gewehrs. Die Kugel traf mich im Oberschenkel. Einer dieser Typen hatte einfach noch mal abgedrückt.

Die Männer rannten mit schweren Stiefeln zu uns. Sie packten mich unter den Armen, hievten mich auf eine Ladefläche, dann brausten wir davon. Was mit Dietzi war, wusste ich nicht. Erst Monate später erfuhr ich, dass er noch lebte.

Nach der Operation erwachte ich aus der Narkose und hörte einen Arzt sprechen. „Dies ist kein Vernehmungszentrum“, sagte er und schickte jemanden aus dem Zimmer. Ein Kerl blieb an meinem Bett stehen, bis sie mich nach zwei Tagen in einen Krankentransporter legten. Es dauerte Stunden, bis er hielt. Erst Jahre später erfuhr ich, dass sie mich ins Haftkrankenhaus im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen gebracht hatten.

Ich wurde noch sehr häufig operiert. Immer fuhren sie mich dafür in ein anderes Krankenhaus, wo mir nach und nach die Splitter aus dem Körper entfernt wurden und man Haut verpflanzte. Wenn ich wieder aufwachte, lag ich in diesem Bett im Haftkrankenhaus. Es standen Männer vor mir, die auf mich gewartet hatten, um Fragen zu stellen. Ich war vollkommen benebelt. Ich erinnere mich, dass sie mir vorwarfen, meine Flucht geplant zu haben. Ich hatte dies ja angekündigt, als ich meinen Ausreisantrag abgab. Sie wollten wissen, wer auf der anderen Seite auf mich gewartet habe.

„Gewartet?“, fragte ich, „wo gewartet?“

„In Tschechien.“

„Selbst schuld“

Das war wie ein Schlag. Wir mussten im Dreiländereck die deutsch-deutsche Grenze um wenige Meter verpeilt haben. Deshalb waren keine Hunde zu hören gewesen. Und trotzdem standen dort Selbstschussanlagen – an einer Grenze zum befreundeten Ausland.

„Selbst schuld, dass Sie da reingerannt sind“, sagte einer der Vernehmer.

In meinen Verhören legten sie mir Fotos vor, die ich gemacht hatte, seit mir der Personalausweis entzogen worden war: wir im Heuhaufen, wir beim Biertrinken, wir auf einer Bank. Sie hatten all diese Leute verhört. Sie wussten alles über mich. Aber niemand konnte ihnen etwas über meinen Fluchtplan erzählen. Wir waren ja einfach losgezogen.

Was ich nach den Operationen gesagt hatte, widerrief ich, als sie mir Monate später den Prozess machten. Das interessierte die Richterin wenig. Es war ihr auch egal, dass jemand das falsche Alter in meine Akte geschrieben hatte. „Halten Sie den Mund!“, fuhr sie mich an, als ich rief, dass ich nicht 21 war, sondern 19. „Das steht hier geschrieben.“ Sie verpasste mir ein Jahr und neun Monate Haft. Es milderte meine Strafe, dass man mir keine Fluchtvorbereitungen nachweisen konnte.

„Ich sollte Teile für Maschinenpistolen bauen. Immer wieder kam ich in den Arrest, weil ich mich weigerte.“

Sie brachten mich bald aus Gera in den Knast von Cottbus. Und als sie mich abholten, glaubte ich, sie hätten mich an den Westen verkauft, so wie sie fast jeden gegen Zehntausende harte D-Mark ziehen ließen. Aber sie fuhren mich nach Untermaßfeld. Der Knast dort war eine alte Wasserburg aus dem Mittelalter. Die Häftlinge mussten für die „Ernst-Thälmann“-Werke arbeiten, für Jagd- und Schusswaffen. Ich sollte Teile für Maschinenpistolen bauen.

Immer wieder kam ich in den Arrest, weil ich mich weigerte.

Ein Knastkollege stach mir mit Nähnadeln Tätowierungen unter die Haut. Auf die Brust einen Schmetterling als Zeichen für die Freiheit, ähnlich, wie ihn Henri Charrière im Film „Papillon“ trug, als er in eine Strafkolonie deportiert wurde. Für jede Tätowierung, die ich mir machen ließ, kürzten sie mir die Wertmarken für Tee und Zigaretten und sperrten mich wieder in den Arrest. Es war mir egal. ‚Eine Arschbacke’, dachte ich, ‚darauf sitze ich das ab’. Und bald würden sie mich in den Westen verkaufen. Ich täuschte mich wieder. Als sie mich dieses Mal abholten, brachten sie mich in den Knast nach Gera, von dort nach Jena. Und dann ließen sie mich gehen.

In den Osten!

Narben als Beweis der Menschenrechtsverletzung

Das war ein ganz bitterer Moment. Alles war umsonst gewesen. Ich glaube, ich durfte nicht in den Westen, weil ich als lebendes Beweismittel galt. Die DDR hatte sich 1975 in Helsinki dazu verpflichtet, die Selbstschussanlagen abzubauen. Dass sie sich nicht daran hielten, beweisen mehr als 20 Narben an meinem Körper.

Der Tag meiner Entlassung war Silvester 1982. Am Hanfried, einem Denkmal auf dem Marktplatz von Jena, trafen sich die Leute mit den langen Haaren und den Shell-Parkas und sangen „Give Peace a Chance“ von John Lennon. Ich begegnete meinen alten Freunde wieder, oft im „Roten Hirsch“, einer Kneipe in der Stadtmitte, wo eigentlich nur Leute abhingen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Dienstags konnte man sich bei der Abteilung Inneres nach dem Status erkundigen. Man sah sich stets wieder, wenn man sich die Ablehnung erneut bestätigen ließ.

Jena war damals eine aufgebrachte Stadt, ein Oppositionsnest. Kurz nach meiner Flucht war Matthias Domaschk in der Untersuchungshaft der Stasi zu Tode gekommen. Er hatte schon 1976 gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung protestiert und galt den Behörden auch danach als ein Störenfried. Offiziell hieß es, er habe sich das Leben genommen. Das glaubte aber niemand. Seinen Leichnam hatten sie in aller Eile und ohne Obduktion eingeäschert, seine Beerdigung sollte geheim bleiben. Es kamen trotzdem Hunderte, um ihn zu verabschieden.

„Wir waren wie ein Krebsgeschwür, das wucherte.“

Fast zwei Jahre später hatte sich die Lage noch immer nicht beruhigt. Mit mehreren Leuten saßen wir in einer Wohnung im Osten der Stadt zusammen. Alle wollten raus aus der DDR. Die Frage war: Wie gelingt das, ohne dass wir in den Knast gehen? Wir lasen in den Gesetzestexten und diskutierten und diskutierten. Wir wollten ein Zeichen setzen. Zeigen, dass wir nicht alleine und unzufrieden waren. Einer hatte die Idee, weiße T-Shirts anzuziehen, ein anderer wollte auf dem Platz der Kosmonauten einen stillen Kreis bilden. Es stand ja in keinem Gesetz, dass man das nicht durfte. Als Gruppierung hätten sie uns angehen können, aber wir wollten nur locker beieinander stehen, nichts singen und nichts sagen. Und in der Öffentlichkeit, mitten auf einem Platz in der Innenstadt, wäre es auch kein konspiratives Treffen. Eigentlich konnten sie uns nichts.

Der Widerstand formiert sich im „Weißen Kreis“

An einem Samstag im Frühsommer stellten wir uns erstmals auf: der „Weiße Kreis“. Wir waren ein gutes Dutzend Leute in weißen T-Shirts. Wir blieben vielleicht eine halbe Stunde. Was wir wollten, sprach sich herum. Am nächsten Samstag waren wir doppelt so viele. Mehr als 200 kamen und stellten sich in den Kreis. Jeder hatte seine eigenen Gründe. Aber wir spürten, dass wir in der Masse vielleicht eine Chance hatten. Dass der Staat reagieren müsste.

Die Polizei und die Staatssicherheit hatten uns natürlich lange unter Beobachtung. Es wurden immer mehr Beamte, die uns beschatteten. Die Taxifahrer hupten warnend, wenn sie durch die Seitenstraßen anrückten. Eine Weile passierte nichts, aber schließlich gab es erste Festnahmen und Massenverhöre. Für manche von uns fanden sie fadenscheinige Gründe, um sie wegzusperren. Am Samstag darauf kamen wieder Hunderte. Quer durch die DDR solidarisierten sich die Menschen mit uns. Manche knoteten sich weiße Bändchen an ihre Autos.

Wir wurden zu viele, um unterdrückt zu werden. Wir waren wie ein Krebsgeschwür, das wucherte. Sie konnten Einzelne aus der Gruppe reißen, aber sie konnten nicht Hunderte wegsperren, die nichts taten, außer still zusammenzustehen. Vielleicht hätten sie es bald trotzdem getan. Aber wir bekamen unerwartete Hilfe aus dem Westen. Eine Zeitung druckte Fotos vom „Weißen Kreis“. Diese Aufmerksamkeit in der Bundesrepublik war für uns wie ein Schutzschild. Und dann wurden wir wieder weniger. Plötzlich genehmigte man die Ausreiseanträge, einen nach dem anderen. Die Leute durften in den Westen.

Im September 1983 war ich einer der Letzten, der noch im Kreis stand. An einem Morgen kamen zwei Typen zu mir nach Hause. Ich sollte das Nötigste zusammenpacken und dann mitkommen ins Ministerium für Inneres. Ich hatte Angst. Einige Mitstreiter saßen noch im Knast und ich fürchtete, dass ich der Nächste war. Sie setzten mich in ein Auto. Als sie darauf verzichteten, mir Handschellen anzulegen, ahnte ich, wohin die Reise ging. Wir fuhren Richtung Berlin. Meine Furcht wich Erleichterung. An der Friedrichstraße übergaben sie mich an die Bundesrepublik. Im Notaufnahmelager in Marienfelde musste ich mich melden und den alliierten Geheimdiensten meine Geschichte erzählen.

„Ich trage die Splitter noch immer mit mir herum.“

Dann wurde ich in ein Krankenhaus gebracht. Ärzte fanden noch acht Splitter in meinem Körper. Ich trage sie noch immer mit mir herum. Bald darauf erhielt ich einen Brief: Drüben in der DDR hatten sie meine Mutter ins Frauenzuchthaus in Stollberg geschlossen. Sie war mit einem Plakat auf die Straße gegangen, auf dem sie Menschenrechte forderte. Nach meiner Flucht hatte man damals erst ein Dreivierteljahr vergehen lassen, ehe man ihr sagte, dass ich noch lebte. Diese Monate müssen für sie kaum zu ertragen gewesen sein. Zwei Jahre saß meine Mutter ein. Einen meiner zwei Brüder brachten sie ins Kinderheim, den anderen in eine Nervenklinik.

Ich war im Westen und konnte nichts tun. Ich verlor fast den Verstand.

Ich ging in die USA, um die Hippies zu finden. In San Francisco ging mir das Geld aus. Mein Visum war schon lange abgelaufen. Ich wurde bei illegaler Arbeit erwischt und des Landes verwiesen. Ich flog nach Hongkong, besuchte eine Artistikschule, zog weiter nach Indonesien und arbeitete als DJ. Ich legte mit Kassetten auf. Über Goa kehrte ich zurück nach Deutschland. Das war 1986. In Berlin fingen wir damals an, elektronische Musik aufzulegen. Es waren aufregende Zeiten, voll Aktionismus, Zuversicht und Kreativität. Es war, was ich mein Leben lang gesucht hatte.

Die besten Jahre begannen nach dem Fall der Mauer. Meine Freunde trugen nun keine Shell-Parkas mehr. Wir hörten unsere Musik nicht mehr heimlich. Wir spielten sie für wilde, schwitzende Menschen, die sich bedingungslos in die Freiheit fallen ließen.

Henry Leuschner kam 1962 in Jena zur Welt. Im Dezember 1995 sagte er gemeinsam mit Peter Dietz am Landgericht Berlin im »Grenztruppen-Prozess« aus. Wegen der Todesschüsse an der deutsch-deutschen Grenze und an der Berliner Mauer wurden insgesamt 241 Menschen angeklagt. Von den 165 abgeschlossenen Verfahren endeten 15 mit Freiheits- und 82 mit Bewährungsstrafen. Gegen Mitglieder der politischen Führung wurden zwölf Verfahren abgeschlossen. Henry Leuschner lebt in Berlin-Kreuzberg.