MEIN VATER, DER STASI-OFFIZIER Nur raus hier!

Sein Vater arbeitet für die Staatssicherheit. Als Jörg Hejkal eines Tages Beweise findet, dass er sogar den eigenen Sohn bespitzelt, hält er es nicht mehr aus. Er unternimmt einen Fluchtversuch – und es soll nicht der letzte sein.

Mein Vater und ich, wir brüllten uns schon so lange an, dass die Nacht wieder zum Morgen wurde. Irgendwann kam meine Mutter aufgebracht herein und schimpfte, sie könne nicht schlafen. Doch ich konnte nicht locker lassen, und ich wollte es auch nicht.

Ich hatte mich einige Tage zuvor - meine Eltern waren noch im Urlaub - auf die Suche nach dem Dasein meines Vater begeben. Ich hatte seinen Schreibtisch durchwühlt, in seinen Unterlagen gestöbert, Briefe und Notizen gesucht. Aber ich fand nichts, was mir half. Er blieb mir ein Rätsel. Ich wusste: Er verließ jeden Morgen als Vater von zwei Mädchen und einem Sohn das Haus, ging in sein Büro bei der Staatssicherheit und kehrte am Abend als Vater von zwei Mädchen und einem Sohn wieder zurück.

Ich wollte wissen, was er tagsüber tat.

Er sprach nie darüber. Wann immer ich ihn danach gefragt hatte, war er mir ausgewichen. Er verriet nichts. Nur, dass er bei der Staatssicherheit arbeite und nicht über seine Tätigkeit sprechen dürfe. Manchmal war er tagelang nicht zu Hause. Ich suchte weiter an diesem Tag. In seinen Jackentaschen, in allen Schubladen, die es in unserem Haus gab. Ich durchsuchte seinen Kleiderschrank, zwischen den Hemden und Hosen und Unterhosen. Schließlich fand ich mehrere Zettel, lose zusammengepackt, mit Notizen in seiner Handschrift. Er hatte umständlich Worte aneinandergereiht. Als hätte er sie ganz offiziell im Büro geschrieben.

Und dann las ich diesen Satz: „Er ist gerade in so einer renitenten Phase.“ Und den nächsten: „Das wird sich legen.“ Danach erklärte er, welche Maßnahmen dafür nötig wären.

Er schrieb über mich, über seinen Sohn, über Jörg Hejkal. Er schrieb, was ich in meiner Freizeit tat, er schrieb über mein Verhältnis zu Mädchen, über meine politische Haltung, über meine Leidenschaften und Schwächen.

Die Berichte signierte er mit seinem Namen und mit seinem Dienstgrad.

Ich war 17 Jahre alt, jugendlich und umtriebig, und ich stand im Schlafzimmer meiner Eltern und las, dass mein eigener Vater mich bespitzelte.

Er hatte recht: Ich war renitent. Aber er ahnte nicht, wie ernst ich es meinte.

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Ich wusste schon als Kind, dass mein Vater seinen Job als Erzieher aufgegeben hatte, um beim Staatssicherheitsdienst anzufangen. Das war etwa zu der Zeit, als wir aus unserer kleinen Wohnung in einem rohen Backsteinbau auszogen. In eine größere, schönere Wohnung mit Garten, Heizung, genug Platz auch für die Oma und einem Badezimmer, das nicht mehr auf dem Hinterhof lag. Was die Staatssicherheit war, wusste ich nicht. Nur, dass wir eine schöne Wohnung hatten und dass sich die Leute abwendeten, wenn ich davon erzählte. Ich spürte, wie sie seine Arbeit verachteten, obwohl ich gar nicht sagen konnte, was er machte. Ich wurde älter und fragte ihn. Er sagte viel und antwortete doch nicht.

Mich nervte diese Heimlichtuerei.

Irgendwann erfuhr ich, dass mein Vater mit Pfarrer Brüsewitz betraut war. Woher, das kann ich gar nicht mehr sagen, aber ich wusste es. Dieser Pfarrer hatte sich damals, ich war 15, öffentlich verbrannt. Als Zeichen des Protests gegen die Unterdrückung der Christen in der DDR. Seine Tat sollte verschwiegen werden, aber dafür hatten sie zu viele Menschen gesehen. Also mühten sich Partei und Stasi, eine Geschichte der Verbrennung zu erzählen. In den Propaganda-Zeitungen wurde Brüsewitz als Verrückter und als Spitzel hingestellt. Der Westen verstand die Tat als Hilferuf – und als dort das Fernsehen berichtete, drangen Brüsewitz’ Beweggründe auch im Osten durch. Die Menschen zweifelten, sie diskutierten. Und mein Vater kam eine Weile nicht nach Hause. Er überwachte die Arbeit der Gerichtsmedizin. Tag und Nacht.

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Zwei Jahre später machte ich mit meiner damaligen Freundin Urlaub im polnischen Ostseebad Sopot. Mein Vater hatte mir den Umgang mit ihr verboten. Er kannte sie nicht persönlich, aber aus den Unterlagen der Stasi wusste er mehr über sie und ihre Mutter als ich. Von ihm erfuhr ich, dass sie Verwandte im Westen hatte. Mein Vater versuchte, uns auseinanderzubringen. Ich fand das anmaßend. Wir stritten häufig wegen ihr.

Dass wir an die Ostsee fuhren, wussten meine Eltern nicht. Ich hatte ihnen erzählt, dass ich alleine auf dem Land zelten wollte.

In Sopot mieteten wir ein Zimmer, das eine Frau privat anbot. Eigentlich wohnte dort ihr Sohn. Den hatte sie für uns und das bisschen Geld, das wir zahlten, ausquartiert. An einem Tag öffnete ich eine Schranktür, die ich wohl besser nicht geöffnet hätte – ich fand dahinter einige Stangen aus Pappe, wie die Kartons von größeren Stücken Seife, dazu Schnüre in verschiedenen Farben und Längen, kleine Hütchen und Kästchen mit einem Nippel daran. Ich sah mir die Einzelteile an und probierte, wie sie zusammenpassten. Mir war sofort klar: Das waren geniale, ausgetüftelte Bausätze.

Das war Sprengstoff.

Ich hatte schon immer ein Faible für alles, was knallt. Einmal brachte ein Junge aus dem Kindergarten eine Patrone mit, ein richtiger Pistolenschuss, golden und noch mit der Kuppe obendrauf. Ich fand das großartig. Und ich gab alles, um dieses Ding zu tauschen. Zu Hause zeigte ich die Patrone stolz meinen Eltern. Mein Vater geriet außer sich. Später, in der Schule, mischte ich mir im Chemieunterricht Schwarzpulver und stopfte es vorsichtig zwischen zwei Schrauben, die ich mit einer Mutter zusammenschloss. Wenn man dieses Ding auf den Schulhof schleuderte, schepperte es ordentlich. Und dann tauschte ich mir von einem Kumpel eine Pistole. Ich gab nie einen Schuss ab, ich war pazifistisch eingestellt, doch ich mochte es, diese Knarre in der Hand zu halten. Das war so verboten, dass es einen wahnsinnigen Reiz versprühte.

Mit Sprengstoff an der Grenze erwischt

In der kleinen Kammer in Sopot legte ich die Sprengsätze nicht zurück in den Schrank. Es war zu verlockend, sie einmal irgendwo im Wald auszuprobieren. Ich packte sie in meine Tasche und nahm sie mit. Dass wir auf der Rückfahrt in die DDR an der Grenze kontrolliert werden konnten, daran dachte ich gar nicht. Blauäugig könnte man das nennen.

Die Grenzer fanden den Sprengstoff in meiner Tasche. Alarm im ganzen Bahnhof. Ende der 70er-Jahre, Terroristenzeit. Viele Jahre später erfuhr ich aus archivierten Akten, dass Widerständler kurz zuvor mit Sprengsätzen, wie ich sie bei mir trug, in Nowa Huta, einer Industrievorstadt von Krakau, ein Lenin-Denkmal gesprengt hatten. Die Polen verhafteten mich sofort. Sie gingen wenig zimperlich mit mir um. Immerhin, sie holten einen Dolmetscher, der mir ihre Fragen übersetzte. Sie informierten auch die Behörden in der DDR. Und es dauerte nicht lange, bis mein Vater in seinem Büro in Halle von meiner Festnahme erfuhr.

Nach zwei Tagen brachten mich die Polen über die Grenze nach Pasewalk. Zwei Typen in schwarzen Anzügen und mit schwarzen Sonnenbrillen erwarteten mich. Sie sprachen kein Wort, nicht mit mir und nicht miteinander. Sie verfrachteten mich in einen Lada und kutschierten mich nach Halle, wo sie mich im „Roten Ochsen“ ablieferten, einem großen Knast aus rotem Mauerwerk und mit zwei Türmen über dem Eingangsportal, die wie Hörner in den Himmel ragten.

Der Vater kommt zum Verhör

Ein Stasi-Beamter in Zivil nahm mich in Empfang: „Tachchen, ich bin ein Kollege deines Vaters und wir führen jetzt mal ein Gespräch.“ Er wollte wissen, woher ich den Sprengstoff hatte und was ich damit anfangen wollte. Ich erzählte, ich hätte das Zeug am Strand gefunden. Ich blieb dabei, egal wie oft er seine Fragen umformulierte. Ich wollte diesen Typen in Polen nicht gefährden. Der konnte ja nichts dafür, dass ich ihm die Sprengsätze gestohlen hatte.

Und dann trat mein Vater in den Raum.

Er war nicht zum ersten Mal hier, wurde mir schlagartig klar. Er quatschte ganz locker mit dem Typen, der mich vernommen hatte. Und er bewegte sich durch diesen Raum, in dem Menschen verhört wurden, als wäre es sein Tagewerk, hier zu sein.

„’Willst du meine Karriere ruinieren!?’“

Er boxte mich irgendwie raus. Ich musste das Protokoll unterschreiben, dann ging er mit mir durch lange Gänge und vorbei an Zellen mit schweren Türen wieder hinaus auf die Straße. Ich entschuldigte mich kleinlaut für meine Lüge vom Zelten auf dem Land. Er stapfte neben mir her. Erst als der Knast außer Hörweite lag, brach seine Wut heraus.

„Bist du wahnsinnig!?“, brüllte er. „Willst du meine Karriere ruinieren!?“

Ja, ich hatte Scheiße gebaut, keine Frage. Ich hätte den Sprengstoff in diesem Schrank liegen lassen sollen. Klar, dass mein Vater sauer war. Aber er benahm sich nicht wie ein Vater, der seinen Sohn auf den rechten Pfad führen wollte. Er sorgte sich um seine Karriere. Noch einmal würde er mich nicht vor dem Knast bewahren, giftete er. Es klang wie eine letzte Warnung. Und er meinte es auch so.

Zu Hause wollte ich keine Sekunde mehr verbringen.

Mein Vater war für mich nun nicht mehr der Mann, der morgens aus dem Haus ging und abends wiederkam. Mein Vater war das Gesicht des Systems, des Staats, der Stasi. Die Nacht verbrachte ich bei meiner Freundin. Am nächsten Tag fuhr mein Vater in seinem Privatwagen vor. Er stieg aus und ich sah, wie er aufgebracht zur Tür stiefelte. „Du kommst jetzt mit!“, wütete er. „Du hast gelogen!“

Sie hatten auch meine Freundin vernommen, die bis zur Grenzkontrolle nichts von dem Sprengstoff gewusst hatte. Sie hatte natürlich nichts vom Strand erzählt, nur gemunkelt, wo ich das Zeug gefunden haben könnte: in der Wohnung, weil wir draußen immer gemeinsam unterwegs gewesen waren.

Mein Vater befahl mich in seinen Wagen. Dann fuhr er mich zurück zum Knast. Sein Kollege wartete schon auf mich. Ich musste mich setzen, er gab mir einen Stift und das Protokoll vom Vortag. Zeile für Zeile musste ich korrigieren, wo ich gelogen hatte. Dann durfte ich gehen. Mir war vollkommen klar: Das war nicht üblich; wäre ich nicht der Sohn von diesem Stasi-Offizier, hätten sie mich weggesperrt. Aber weil mein Vater irgendwelche Hebel in der Hand hielt, musste ich nur vor einigen FDJ-Vertretern in der Berufsschule, die mich öffentlich tadelten, Besserung geloben.

Die Verantwortung meines Vaters ließ mir keine Ruhe

Ich wollte wissen, warum ich davonkam, welche Macht mein Vater hatte. Ich hatte den Ort erlebt, an dem er offenbar arbeitete; wo Menschen verhört und weggeschlossen wurden. Aber wem gehorchte er? Und wer gehorchte ihm? Was tat er tagsüber? Wofür war er verantwortlich?

Es ließ mir keine Ruhe. Deswegen suchte ich nach Hinweisen in seinen Unterlagen, als meine Eltern im Urlaub waren, und fand seine Psychogramme über mich. Es machte mich rasend, dass er meine Fragen abwies, als ich ihn in jener Nacht zur Rede stellte.

Er sagte, ich sollte froh sein. Er hätte mir die Tür offen gelassen zu meiner Zukunft, er könnte mich im Wachregiment „Feliks Dzierżyński“ unterbringen. Um danach im diplomatischen Dienst Karriere zu machen.

Wir hatten schon gestritten, als ich bei meiner Musterung schriftlich bekundet hatte, nie eine Uniform anzuziehen, nie einen Befehl auszuführen und auch nie einen Spaten in die Hand zu nehmen. Er nahm es nicht ernst. Er belächelte mich.

„Große Klappe“, sagte er, „und nichts dahinter.“

Das spornte mich nur an. „Ich werde niemals deinem System dienen“, schrie ich, „ich werde die Sache nicht mitmachen!“

Mein Vater sagte, ich sollte nicht glauben, er arbeite im Kindergarten. Er arbeite für den Geheimdienst, das wäre gut und richtig, und ich würde eines Tages in den Knast gehen, wenn ich mich dem System widersetze. „Das kann ich dir aus Erfahrung sagen“, blaffte er. Und abhauen, das Land verlassen, das könne ich vergessen. Ich war wütend:

„Eines Tages werde ich diese ganze Scheiße hier hinter mir lassen“, erwiderte ich.

Ich sprach diesen Gedanken zum ersten Mal aus. Flucht. Es war nur ein Satz, aber für mich wurde dieser Satz ein Programm.

„Ich werde flüchten“

Zu Hause ließ ich mich nur noch selten blicken. Ich zog um die Häuser, verbrachte die Nächte im „Turm“, einem Studentenclub in der Moritzburg in Halle, oder bei meiner Freundin. An meinem 18. Geburtstag packte ich meine Sachen, zog in eine besetzte Wohnung und schrieb meine Gedanken über die Freiheit an die Wände. Ich hatte Kfz-Schlosser gelernt; eigentlich wollte ich studieren, industrielle Formgestaltung. Aber das hatte sich mit meiner Wehrdienstverweigerung erledigt. Meine Freundin kündigte an, mit ihrer Mutter bald in den Westen auszureisen. „Ich werde flüchten“, antwortete ich. Denn mir würden die Behörden die Ausreise niemals genehmigen. Nicht mit meiner Akte. Nicht mit meinem Vater.

Im Sommer 1981 ging ich den einzigen Weg, den ich für mich sah. Ich nahm den Zug über Prag und Budapest bis nach Nagykanizsa, eine Stadt nahe der ungarischen Grenze zu Jugoslawien. Ein Kumpel hatte mir die Adresse von einem Mädchen gegeben, das er kennengelernt hatte, als sie zu einem Sportfest in der DDR war. Am Bahnhof in Nagykanizsa stieg ich aus – und wurde sofort verhaftet. Zwei Zivilpolizisten führten mich ab.

Ich hatte Angst, dass sie meine Vergangenheit kannten, dass sie den Kompass, mein einziges Fluchtwerkzeug, in meinem Rucksack fanden, dass sie mich für das hielten, was ich war: einen Flüchtling. Ich sagte, ich wollte dieses Mädchen besuchen. Wir hätten uns einmal zu Hause in der DDR kennengelernt, ich war gerade zum Urlaub eingereist und wollte sie überraschen. Die Polizisten riefen bei ihr an und richteten mir aus, dass sie mich nicht kannte und mich auch nicht treffen wollte.

Ich durfte gehen. Aber ich musste den nächsten Zug zurück nach Budapest nehmen.

Ich war wütend. Ich hatte mir diese Gegend hinter Nagykanizsa auf der Landkarte angesehen. Die Mur schlängelte sich dort entlang der Grenze. Aber der Fluss hatte seinen Lauf über die Jahre offenbar geändert. Landzungen aus beiden Staaten ragten in einigen Abschnitten über die Grenze. Das sah ich als meine Chance. Die Grenze, dachte ich, war dort gewiss nicht so gut gesichert. Ich musste nur auf eine dieser jugoslawischen Landzungen kommen und dann durch den Fluss schwimmen.

Aber ich konnte es nicht ausprobieren. Ich musste in diesen Zug steigen. Irgendwo am Balaton stieg ich aus, streunte über die Campingplätze und suchte jemanden, der mich ins Grenzgebiet fahren würde. Ich fand niemanden. Entweder wollten die Leute die Fahrt nicht auf sich nehmen oder sie hatten kein Auto. Ich wurde ungeduldig und machte mich schließlich doch auf nach Budapest. In der Innenstadt fand ich einen Zeltplatz und einen Typen mit einem orangefarbenen Coupé. Ein tolles Auto – mit westdeutschem Kennzeichen. Ich stellte mich vor und erzählte ihm schnell von meinem Fluchtvorhaben und den Schwierigkeiten ins Grenzgebiet zu gelangen. Er überlegte nicht lange: „Ich fahre dich dahin“, sagte er.

In der Nacht zum Grenzfluss

Es dämmerte, als wir nach einigen Stunden durch die Wiesenlandschaft nahe der Grenze fuhren. An einem Waldstück nahe der Mur, die dort bald in die Drau fließt, hielt er kurz. Ich rollte mich aus dem Auto und kroch in den Wald. Ich wartete, bis es dunkel war, bevor ich mich weiterbewegte. Ich hatte mir die Karte sehr genau eingeprägt und glaubte zu wissen, wo ich mich befand. Es konnten nur wenige Kilometer bis zum Fluss sein. Mein Kompass wies mir die Richtung.

„Ich spürte nur das Adrenalin.“

Es war Spätsommer, eine warme Nacht. Nichts deutete darauf hin, dass hier Menschen waren oder sogar Grenzer. Meine Zigaretten rauchte ich trotzdem in der hohlen Hand. Die Mücken waren glücklich, einmal einen Menschen zu treffen. Sie ließen sich in Scharen auf mir nieder. Es machte mir nichts aus. Ich spürte nur das Adrenalin.

Dann stand ich vor diesem sauber geharkten, hellen Streifen aus Sand, der den Wald durchzog. Der Fluss lag irgendwo dahinter. Ich traute mich nicht weiter, weil ich fürchtete, einen Fuß in diesen Sand zu setzen – und auf eine Mine zu treten. Ich folgte dem Streifen. Vielleicht einfach rennen, hörte ich mich flüstern, und konnte mich doch nicht durchringen. Dann sah ich die Tierspuren im Sand. Ich stieg mit meinen Fußspitzen in diese kleinen Kuhlen und tastete mich hinüber.

‚Das war es’, dachte ich. Nur noch über den Fluss. Ich hörte ihn schon und als ich ihn sah, erstarrte ich. Die Mur war hier nicht einfach ein Fluss, nicht einfach ein blauer Streifen auf der Landkarte. Sie war ein reißender Strom. Vielleicht war ich auch zu südlich und sie war schon in die Drau geflossen. Es sah fast so aus, so mächtig wirkten die Wassermassen, die an meinen Füßen vorbeiströmten.

Ich dachte, ich würde in aller Ruhe und im Dunkeln in die Freiheit schwimmen. Daran war nicht zu denken. Um diesen Fluss zu queren, musste ich etwas sehen können. Ich wartete also auf die Morgendämmerung und rauchte eine nach der anderen. Schlafen konnte ich nicht. Früh morgens zog ich mich aus, stopfte meine Klamotten in einen Plastikbeutel und band ihn mir um den Bauch. Dann stieg ich ins Wasser. Meine Füße versanken im Morast zwischen dem Schilfrohr. Der Fluss trug stinkenden Schlamm mit sich, eine einzige braune Masse, die mir vorkam, als würde diese ganze Ost-Scheiße vor mir durchrauschen. Ich muss da noch ein allerletztes Mal durch, dachte ich. Dann schwamm ich los.

Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich mich durch das Wasser kämpfte, nicht einmal mehr, ob es anstrengend war. Ich trieb in einer Flusskurve wieder in den Morast und watete an Land.

Eine Brühe aus Kohl und Fettresten

Nicht weit entfernt führte eine Straße vorbei. Ich hielt mich links. Zwei jugoslawische Grenzer kamen mir entgegen, in Uniform und mit Gewehren. Sie lachten und schlugen mir auf die Schulter. In ihrem Quartier riefen sie einen Dolmetscher dazu und einen Typen mit Streifen und Sternen auf der Schulter. Sie wollten alles Mögliche von mir wissen. Und als wir fertig waren, sagten sie mir, dass sie mich wegen illegalen Grenzübertritts zehn Tage lang einsperren mussten. Damit konnte ich leben.

Ich spielte viel Schach gegen die Jungs aus meiner Zelle. Sie nannten mich „Beckenbauer“ und spendierten mir Zigaretten. Wir waren wohl an die 25 und saßen aus allen möglichen Gründen. Einer hatte Tito beschimpft, einer das falsche Lied gesungen, einer die Arbeit verweigert, einer war ein alter Nazi und einer hatte Blutrache begangen. Im Innenhof stand ein Walnussbaum, um den ein Rehkitz sprang – die Unschuld im Knast.

Am zehnten Tag holten mich zwei Typen raus. Schwarze Anzüge, schwarze Sonnenbrillen. ‚Dass die Arschlöcher überall gleich aussehen müssen’, dachte ich. Sie setzten mich in ein Auto, und als wir losfuhren, spürte ich: Das war die falsche Richtung! Sie würden mich nicht zur westdeutschen Botschaft bringen, sondern zur Grenze nach Ungarn. Als ich den Schlagbaum sah, sprach ich das erste Stoßgebet meines Lebens. Was auch immer passieren sollte, es würde hart werden, das wusste ich, und ich bat um Gottes Hilfe, es gesund zu überstehen.

Die Jugoslawen hatten mir nie Handschellen angelegt, nun klackten sie um meine Handgelenke. Die Ungarn waren harsch. Sie drückten mir den Kopf nach unten und schleppten mich in ein gekacheltes Kellerloch. Nur wenn ich ihre Fragen beantworten sollte, holten sie mich raus. Zwei Typen in schwarzen Anzügen brachten mich ins „Hotel“, wie sie das Budapester Staatsgefängnis nannten. Ein stolzes Gebäude mit schönen Wurzelholzvertäfelungen. Ein paar Tage, dachte ich, dann würden sie mich in die DDR transportieren. Es dauerte fünf Wochen.

Zweimal am Tag reichten sie mir eine Gummischüssel mit Gummilöffel in die Zelle. Darin war irgendeine Brühe aus Kohl und Fettresten. So wie es reinkam, gab ich es wieder zurück. Ich konnte den Fraß einfach nicht essen. Als ich das Gefängnis verließ, wog ich noch 48 Kilogramm. Ich war nur noch ein Skelett.

Ich saß alleine auf der Zelle. Nur einmal holten sie mich raus, als jemand aus der DDR-Botschaft kam, um mich zu verhören. Angst wurde mein Begleiter, fast wie ein Freund, der sich in meiner Einsamkeit zu mir aufs Bett setzte. Ich fürchtete mich vor dem, was kommen sollte. Meine Freiheit würde mir genommen, unausweichlich. Aber für wie lange? Wie konnte ich das verkraften? Wie war es möglich, meine Strafe zu mildern?

Ich grübelte oft stundenlang über diese Fragen und dachte über mein Leben nach. Ich war 19 und die Zweifel plagten mich, ob es richtig war, was ich getan hatte. Und dann wies mir die Angst den Weg. Sie machte mich bereit. Und sie zeigte mir mein Innerstes. In Gedanken lief ich durch die schönen Zeiten, die ich hatte. Ich spazierte im warmen Regen und traf meine Freundin vorm Studentenclub. Ich sah, was sie trug. Ich hörte uns sprechen. Auf ihrer Armbanduhr sah ich, wie spät es war. Es war wie ein Film, den ich mein Leben lang aufgenommen hatte und den ich mir nun in seinen Szenen ansah. Ich spulte diesen Film zurück und spielte mit meinen Schwestern im Garten, bis Oma rief: „Das Essen ist fertig.“ Sie hatte wunderbar böhmisch gekocht. Ich spulte vor und stieg aus dem Bett eines Mädchens, das ich geliebt hatte, und ging in den Morgen. Die Euphorie nahm mir die Sorgen, und sie gab mir mein Vertrauen zurück. Es war wie ein Geschenk, das mir niemand würde nehmen können. Sie könnten mich einsperren, mir alles verbieten und alles mit mir machen. Aber das, was ich war, das konnten sie mir nicht nehmen. Meinen Film konnte ich immer einlegen und mir ansehen, wonach mir war.

‚Du kannst nicht unfrei sein’, dachte ich und fühlte mich großartig.

Doch körperlich verfiel ich.

Ein Stoßgebet für eine Notlandung

Eines Abends hörte ich, wie auf meinem Gang nacheinander die Zellentüren aufgeschlossen wurden. Ein Häftling nach dem anderen wurde geholt. Ich kam an die Reihe. Ein Typ schloss mich mit Handschellen an sich, führte mich über den Gang zum Aufzug, hinaus in den Hof und in einen Bus. Sie fuhren uns zum Flughafen, wo eine Maschine auf uns wartete. Ich werde diese Fahrt durch Budapest nie vergessen. Es war ein wunderschöner Sonnenuntergang über einer königlichen Stadt. Ich genoss ihn und ich schickte das zweite Stoßgebet meines Lebens in den Himmel: Möge unser Flugzeug in Wien notlanden müssen.

Wir waren zwei Dutzend Häftlinge. In Ost-Berlin verfrachteten sie uns in eine Grüne Minna, einen Gefängnistransporter mit kleinen Zellen, in die gerade ein Mann hineinpasste. Wir fuhren eine ganze Weile durch die Gegend, bis irgendwo alle Häftlinge abgesetzt wurden. Nur ich nicht. Meine Zelle schlossen sie nicht auf. Wir fuhren wieder ab. Als wir wieder hielten, zogen sie mich in grelles Licht und brüllten mich an. „Wo bin ich?“, stammelte ich. Ich hatte keine Ahnung. Später erfuhr ich, dass es das Stasi-Untersuchungshaftgefängnis Hohenschönhausen war. „Gehen Sie!“, befahl mir ein Typ, den ich nur schemenhaft sah. „Ziehen Sie Ihre Klamotten aus und spreizen Sie Ihre Arschbacken!“

Ich kam wieder in Einzelhaft. Aber es war anders als in Budapest. Die Wände waren dünner. Ich hörte die Stiefel der Schließer in den Gängen, das Klacken, wenn sie die Sichtluke in den Zellentüren öffneten, und alle zehn Minuten kamen sie auch bei mir vorbei und knipsten das Licht an. Ich brauchte Jahre, um diesen Rhythmus aus meinem Schlaf zu verbannen. Manchmal hörte ich auch, wie einer der Gefangenen in seiner Zelle durchdrehte, bis die Schließer sich ihn vornahmen.

Fünf Monate lang hielten sie mich fest und verhörten mich beinahe jeden Tag. Irgendwann sagte ich, sie könnten mich einsperren, aber: „Ich werde wieder flüchten! Das ist völlig klar. Eines Tages komme ich wieder aus dem Gefängnis und dann werde ich hier nicht mehr weiterleben, dann werde ich diesen Staat verlassen.“

Mein Vernehmer sah mich verwundert an. Er hielt mich für vollkommen bescheuert und fragte, ob ich ihm das schriftlich geben könnte. Ich schrieb es auf und unterzeichnete mit meinem Namen: Jörg Hejkal.

Sie verurteilten mich zu 22 Monaten Knast.

Nach meinem Urteil verbrachte ich noch eineinhalb Jahre in Bautzen II, in einem Hochsicherheitstrakt, in dem viele Oppositionelle, Westdeutsche und Agenten saßen. Einzelhaft, doch das war mir recht. Ich wollte mich auf mich konzentrieren und die Zeit bewältigen. Ich schrieb keine Briefe und ich verweigerte Besuch. Ich wollte mich nicht aus meiner Ruhe bringen lassen, weil ich mir mit meinem Vater vom Staatssicherheitsdienst keine Hoffnungen auf einen Freikauf machen konnte.

Aus dem Knast zu den Punks

Am Tag meiner Entlassung gaben sie mir alles zurück, was ich zwei Jahre zuvor mit nach Ungarn genommen hatte, nur meinen Kompass und das bisschen West-Geld hatten sie abgezogen. Mein Pullover schlabberte mir von den Schultern. Ich fuhr mit der Bahn zurück nach Halle und bald weiter nach Berlin. In Halle hielt mich nichts. In Berlin hoffte ich, einen Weg aus der DDR zu finden. Ich setzte mich erst einmal an den Fernsehturm. Ein paar Meter weiter saß ein Mädchen auf einer Bank. Sie trug einen Kopfhörer und hatte einen tragbaren Kassettenspieler dabei. Ich sah eine Weile hinüber, dann sprach ich sie an, fragte sie, ob sie wüsste, wo ich preiswert übernachten könnte. Wir quatschten ein bisschen und schließlich lud sie mich zu sich ein. Sie wohnte im Prenzlauer Berg, in einem Hinterhof in der Immanuelkirchstraße. Die Wohnung teilten sich ein paar Punks. Die nächsten zwei Wochen waren ein einziges Besäufnis, eine ausgelassene Zeit, in der wir nachts ins Freibad einstiegen und eine Party feierten.

Aber dafür war ich nicht gekommen.

Ich streckte meine Fühler aus nach Gleichgesinnten, nach Leuten, die auch abhauen wollten. Es waren ein paar interessante Typen darunter, aber keiner brachte mich weiter. Die Fröhlichkeit der ersten Tage ging nach und nach verloren. Ich spazierte oft zur Mauer und verzweifelte beinahe daran. Und irgendwann traf ich einen, der mir mehr Fragen stellte als ich ihm.

Er erzählte, dass er mit ein paar Leuten eine Idee hatte und lud mich ein, sie kennenzulernen.

Zu den Leuten gehörten ein Ingenieur, der im selben Flugzeug aus Ungarn gesessen hatte wie ich, ein Boxer, dessen Vater auch für den Staatssicherheitsdienst arbeitete, ein Italiener, dessen Staatsbürgerschaft die DDR nicht anerkannte und der deswegen nicht aus dem Land kam, und ein Ehepaar, das ständig zweifelte und uns Draufgänger zur Vorsicht mahnte. Wir waren alle Anfang 20, nur der Ingenieur war ein paar Jahre älter. Die Idee war es, die amerikanische Botschaft zu besetzen, ihren exterritorialen Status auszunutzen und so in den Westen zu gelangen. Ich war elektrisiert. Die nächsten Wochen trafen wir uns häufig, überlegten und diskutierten – bis die Idee zu einem konkreten Plan geworden war.

Sechs DDR-Bürger besetzen die amerikanische Botschaft in Ost-Berlin

An einem klaren Freitagmorgen im Januar 1984 ging ich zum Brandenburger Tor und sandte das dritte Stoßgebet meines Lebens gen Himmel. „Okay, lieber Gott“, sagte ich, „tu mir einen Gefallen und lass mich in ein paar Tagen von der anderen Seite aufs Brandenburger Tor gucken.“

Dann ging ich zur Botschaft.

Wir hatten die Nacht alle sechs in derselben Wohnung verbracht und dann wie geplant verschiedene Wege zur Botschaft genommen. Wir glaubten, es war der perfekte Zeitpunkt, weil einige Tage zuvor in Stockholm die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa begonnen hatte. 35 Staaten nahmen daran teil, darunter natürlich die USA, die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik. Die DDR war auch dabei und verhandelte zu dieser Zeit über einen neuen Milliarden-Kredit. Das sollte uns in die Karten spielen.

„Dear Mister President“

Die Botschaften waren damals noch nicht so scharf bewacht wie heutzutage. Wir spazierten hinein und trafen uns in der Bibliothek. Wir setzten uns und schrieben auf einer Reiseschreibmaschine, die wir mitgebracht hatten, einen Brief. Wir begannen mit: „Dear Mister President“.

Auf einer Seite erklärten wir, wer wir waren und dass wir die Unfreiheit und die Repressalien in der Deutschen Demokratischen Republik nicht mehr ertrugen. Wir baten um politisches Asyl und Hilfe bei der Ausreise aus der DDR. Und um unserem Freiheitswunsch Nachdruck zu verleihen, kündigten wir im Schutze der Räumlichkeiten der amerikanischen Demokratie einen Hungerstreik an. Dann unterschrieben wir mit unseren Namen.

Wir baten den Bibliothekar, uns bei der Übersetzung zu helfen und den Brief dann an die Botschafterin zu übergeben; stellvertretend für Präsident Ronald Reagan. Der Bibliothekar schaute uns ungläubig an, aber er half uns.

Dann riefen wir Journalisten in West-Berlin an. Es interessierten sich nur zwei für unsere Geschichte: Eckart Bethke, damals Rundfunkkorrespondent der ARD, kam am späten Mittag. Er hörte sich an, was wir zu sagen hatten, machte sich ein paar Notizen und verschwand wieder. Am späten Nachmittag kam Peter Merseburger. Er leitete das ARD-Studio in Ost-Berlin. Wir gaben ihm ein Interview und eine Kopie des Briefs.

Um 18 Uhr schloss die Botschaft und die zivilen Angestellten verließen das Gebäude. Die Bitte, es ihnen gleichzutun, schlugen wir natürlich aus. Sechs US-Marines kamen zu uns, in voller Montur. Die gingen ganz freundlich mit uns um, obwohl wir uns aneinander festklammerten, als sie uns aus der Bibliothek eine Etage tiefer führen wollten. Sie zogen uns fast behutsam auseinander und trugen uns einzeln. Ich glaube, die konnten verstehen, dass wir die DDR scheiße fanden. Die Nacht mussten wir trotzdem in einem Vorraum der Botschaft verbringen.

[VIDEO: 71Hejkal - Besetzung der Botschaft - Slides 1]

An den nächsten beiden Tagen kamen Unterhändler, der Ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, Hans-Otto Bräutigam, und Wolfgang Vogel, Anwalt des DDR-Staatsrates und Vertrauter von Erich Honecker. Er führte in aller Regel die Verhandlungen, wenn Häftlinge aus dem Osten in den Westen freigekauft werden sollten. Sie machten uns Panik. Bräutigam sagte: „Es gibt ein großes diplomatisches Problem, Ihre Besetzung hat Verwicklungen mit sich gebracht, mit den Alliierten, mit Moskau. Dass sie das so öffentlich gemacht haben, hat nicht geholfen. Es ist eine ganz schwierige Situation eingetreten. Ich kann im Augenblick nicht sagen, wohin das führt.“ Und so weiter und so weiter.

Für uns war nur klar, dass wir die Botschaft erst verlassen, wenn wir in in den Westen ausreisen dürfen. Unser Hungerstreik war unser Druckmittel, um nicht wochenlang in der Botschaft gefangen zu bleiben. Es gab ja diese Fälle, wo Leute Monat um Monat ausharren mussten, in Budapest und in Moskau. Schließlich zeigte uns Anwalt Vogel ein Schriftstück des Ministeriums für Inneres, das Honecker persönlich unterschrieben hatte: Unsere Ausreiseanträge sollten bald genehmigt werden.

Bald? Wir wollten sofort raus! Und ich war auch bereit, mich dafür in der Botschaft anzuketten. Am Sonntagabend sagte Vogel tatsächlich zu, wir dürften sofort ausreisen. Wir müssten nur zuvor in seinem Ost-Berliner Büro die Formalitäten erledigen.

Wir baten Bräutigam bei uns zu bleiben. Mit drei Wagen fuhren wir über abgesperrte, menschenleere Straßen erst zu Vogels Büro und dann weiter über die Chausseestraße nach West-Berlin. Vogel sagte, er habe schon zur kleinen Madonna an seinem Rückspiegel gebetet, aus Sorge, dass unsere Aktion für Chaos sorgen würde. Wir wüssten gar nicht, was wir auslösten, und auch für ihn, den erfahrenen Anwalt, seien die kommenden Tage unberechenbar.

Der Vater sagt sich los – und wird von der Stasi degradiert

„Ihr Beispiel wird Schule machen“, sagte er.

Im Fernsehen liefen die Spätnachrichten. Wir sahen unsere eigene Geschichte.

Am Grenzübergang öffneten sich die Schlagbäume der Reihe nach – ohne dass wir halten mussten. Wir fuhren noch einen Schlenker zum „Wienerwald“, für Hähnchen und Pommes. Im Fernsehen liefen die Spätnachrichten. Wir sahen unsere eigene Geschichte und hörten die Meldung: „Alle sechs sind im Westen.“

[VIDEO: 7Hejkal - Besetzung der Botschaft - Slides 2]

Am nächsten Tag stürmten die Menschen im Osten in die Botschaften. 30.000 Menschen durften in diesem Jahr ausreisen, sechsmal so viele wie ein Jahr zuvor; fast doppelt so viele stellten erstmals einen Ausreiseantrag. Wir sechs gingen schnell getrennte Wege. Wir hatten ganz unterschiedliche Ziele. Ich zog nach Köln.

Mein Vater, immer noch überzeugter Kommunist, schrieb Stellungnahmen, in denen er sich von mir und meinen Machenschaften distanzierte.

Er erzählte später einmal, dass er nach meiner Ausreise wochenlang in seinem Büro saß und sämtliche Schubladen und Schränke verschlossen waren. Selbst das Telefon war abgeklemmt.

Meine Eltern sah ich 1989 wieder, nachdem die Mauer gefallen war.

Hin und wieder besuchte ich sie in den folgenden Jahren, meistens zu irgendwelchen Familienfesten. Unser Verhältnis war kühl, bestenfalls lauwarm. Und dann, 2004, wurde ein Film über unsere Geschichte gedreht: „Vater und Feind“. Meine Eltern stellten sich einem Interview. Davor hatte ich höchste Achtung. Ich spürte, dass jeder Mensch in seinem Leben an den Punkt des Verzeihens kommt.

Man muss dafür nur ein Stück von sich selbst zurücktreten.

Was mein Vater damals tagsüber tat, hat er mir bis heute nicht erzählt.

Jörg Hejkal, Jahrgang 1961, lebt als Fotograf in Köln. Während seines Studiums bereiste er sechs Jahre lang die Welt und organisierte in Europa, Amerika, Australien, Neuseeland und sogar auf den Fidschi-Inseln Barockkonzerte in Kirchen. Er ist seit dem Sommer 2014 selbst Vater eines Kindes.