DAS ENDE EINES URLAUBS Nur raus hier!

Unbekümmert spricht Jutta Tittel darüber, was ihr in der DDR missfällt. Dass sie gerne abhauen würde. Als sich deshalb die Stasi für sie und ihren Mann interessiert, plant das Ehepaar die Flucht. Eine lange gebuchte Reise nach Bulgarien scheint der Notausgang zu sein.

Mit einer kleinen Lüge, einer eigentlich unbedeutenden Unwahrheit, gingen die Probleme los. Wo wir denn hinwollten, fragte uns der Grenzer. „Bekannte besuchen“, antwortete mein Mann Klaus. Der Grenzer musterte uns und das Motorrad, auf dem wir saßen. „Wie heißen die denn, die Bekannten?“, fragte er. Einfach Freunde, die wir in Prag am Bahnhof treffen wollten, erklärte mein Mann. Sie würden uns dort abholen, um mit uns ein paar Tage lang an den Badeseen in der Umgebung von Karlsbad zu entspannen. Wir hatten dort für eine Woche einen Bungalow gemietet. Es war der Sommer 1971.

Die Freunde, von denen mein Mann sprach, waren seine Eltern. Aber das wollte er dem Grenzer nicht sagen, weil sie schon in der Bundesrepublik lebten. Sie hatten noch vor dem Mauerbau rübergemacht. Mein Mann und ich waren total unpolitisch. Wir wollten uns nur erholen und Urlaub machen. Mehr nicht. Wir waren nicht auf der Flucht. Deswegen dachten wir uns auch nichts dabei, als wir seine Eltern verleugneten. Wir wollten nur kein Aufheben machen, weil sie schon drüben wohnten.

Doch das war ein Fehler.

Die Grenzer kontrollierten uns genau. In der Brieftasche meines Mannes fanden sie seinen Wehrpass. Daran störten sie sich. Offenbar durfte man den Pass nicht außer Landes bringen. Wir sollten das Motorrad zur Seite stellen und ihnen auf die Wache folgen. Dort brachten sie Klaus in einen Verhörraum und mich in einen anderen, weil sie uns getrennt voneinander die gleichen Fragen stellen wollten.

„Die Toilettentür blieb offen. ‚Das ist Vorschrift.’“

Ich musste zur Toilette. Und tatsächlich, mir lief eine uniformierte Frau nach, mit dem Maschinengewehr im Griff. Die Toilettentür blieb offen. „Das ist Vorschrift“, sagte sie. Erst als ich nicht konnte, lehnte sie die Tür an, ließ aber einen Spalt offen.

Mich befragten sie auf dieser Wache nur. Als sie uns endlich gehen ließen, erzählte Klaus, dass er die Pobacken auseinandernehmen musste, so misstrauisch waren die Grenzer. Dabei ging es wohl nur um dieses Stück Papier. Sie zogen den Wehrpass ein, dann durften wir in die Tschechoslowakei einreisen. Ich war aufgebracht, als wir weiterfuhren. In Prag trafen wir die Eltern meines Mannes, dann fuhren wir weiter nach Karlsbad und machten Urlaub. Es war schön. Wenn wir nicht an den Badeseen lagen, dann fuhren wir umher und sahen uns die Gegend an, die ich noch nicht kannte.

Vor dem Prager Frühling war die Grenze offen

Drei Jahre zuvor, 1968, kurz vor dem Prager Frühling, waren wir schon einmal in der Tschechoslowakei gewesen, in Prag. Ich erinnere mich noch, wie damals gegen Ende des Urlaubs immer mehr tschechische Geldwechsler meine Schwiegereltern angesprochen und absurde Angebote gemacht hatten. Zweimal so viele Kronen wie noch in den Tagen zuvor wollten sie uns geben. Wir dachten gar nicht lange darüber nach. Wir wollten nur ein bisschen mit der Familie entspannen. Wieder zu Hause erfuhren wir aus dem West-Fernsehen, dass die Grenze der Tschechoslowakei zu Österreich just an jenem Wochenende vorübergehend geöffnet war und viele die Chance zur Flucht nutzten. Die Geldwechsler mussten das gewusst haben. Sie hatten wohl einen Riecher dafür, wie sie das bei uns teuer ertauschte West-Geld gewinnbringend weiterverkaufen konnten. Wir hatten das nicht verstanden.

Drei Jahre später, nach unserem Urlaub in Karlsbad, fuhren meine Schwiegereltern zurück nach Westdeutschland, nach Pforzheim, und mein Mann und ich zurück in die DDR, nach Ferch an den Schwielowsee. Auf dem Weg holten wir in Potsdam seinen Wehrpass ab, den man von der Grenzwache dorthin überstellt hatte. Drei Tage später gingen wir wieder zur Arbeit, ins Schaltgerätewerk Werder in Teltow, wo wir beide Einrichter waren. Wir kümmerten uns um die Maschinen, schauten, dass alles glattlief. Wir hatten uns während meiner Lehrzeit kennengelernt - und 1969 geheiratet. Eigentlich wollte ich nach der Schule zur Post, wo auch mein Vater arbeitete, aber das ging aus irgendeinem Grund nicht.

Das Geld stimmte im Schaltgerätewerk. Knapp 600 Ost-Mark verdiente ich im Monat. Damit konnte ich als junge Frau gut leben.

Ich erzählte den Kollegen von unserem Urlaub an den Badeseen. Ich hatte eine „kecke Schnauze“ und machte mir wenig Gedanken, worüber ich sprach. Ich sagte, dass sie uns an der Grenze wie Schweine behandelt hatten. „Wisst ihr was das Schlimmste war?“, fragte ich die Kollegen. „Dass wir 1968, als die Grenzen offen waren, nicht in die andere Richtung gefahren sind. Das hätten wir doch gemacht, wenn wir das gewusst hätten!“ Die Kollegen sahen mich aus großen Augen an. Die Jungs in der Schlosserei hatten davon noch gar nichts gehört. Im DDR-Fernsehen war die Nachricht von der Grenzöffnung natürlich verschwiegen worden.

Einer fragte mich: „Welchen Sender guckst’n du?“

„Immer den richtigen“, sagte ich und grinste. „Man muss wissen, was läuft.“

Der Ehemann hatte die Flucht schon einmal gewagt

Im Urlaub hatten wir über ein Leben im Westen gesprochen. Wie eigentlich immer, wenn wir Zeit mit den Schwiegereltern verbrachten. 1959 waren sie über Berlin in den Westen gegangen. Sie waren mittlerweile schon um die 60 und der Vater meines Mannes war stark gehbehindert. Reisen war nicht immer leicht für ihn. Aber sie vermissten ihren Sohn und ihre Tochter und so besuchten sie uns einmal im Jahr in der DDR. Wir durften ja nicht rüber zu ihnen. Wir rätselten immer, ob wir die DDR nicht irgendwie verlassen könnten. Ein paar Jahre zuvor, als ich Klaus noch nicht kannte, hatte er sogar einmal versucht, durch den Teltowkanal nach West-Berlin zu schwimmen. Die Grenzer entdeckten ihn und er konnte gerade noch entwischen. Wie oft wir auch darüber sprachen, in die Bundesrepublik zu gehen – es schien für uns keine vernünftige Möglichkeit zu geben. In der Tschechoslowakei hatten wir 1968 offenbar eine gute Chance verpasst.

„Ich dachte mir nichts dabei über die Flucht zu reden."

Ein älterer Kollege aus dem Lager fragte mich: „Sag mal, wärst du wirklich weggegangen, hättest du das wirklich gemacht?“

„Ja“, sagte ich, „warum denn nicht?“

Viele Jahre später, nach der Wende, las ich in meiner Stasi-Akte, dass dieser Mann ein Spitzel war. Manch anderer Kollege wahrscheinlich auch. In den Unterlagen stehen nicht alle Namen, einige sind geschwärzt. Es war ziemlich naiv von mir, einfach so über unsere Gedanken an die Flucht zu reden. Ich dachte mir nichts dabei. Ich kam doch gut aus mit den Leuten.

Ferch ist ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kannte und jeder mit anpackte, wenn es nötig war. Besonders, wenn im Sommer die Touristen an den Schwielowsee kamen und das Dorf bevölkerten. Bis ich zur Lehre nach Teltow ging, hatte ich mein ganzes Leben in Ferch verbracht und was Argwohn war, wusste ich gar nicht.

Es gab so ein paar Offizielle im Werk, die mich schon während meiner Lehre überreden wollten, in die Partei einzutreten. Die sprachen in höchsten Tönen davon, was die alles machten und wie toll sie das Leben in der DDR organisierten. Aber ich hatte dazu keinen Bezug, ich wusste gar nicht, was ich in der Partei sollte. Auch in Werder gab es diese Leute. Nachdem ich auf der Arbeit von unserem Urlaub und der geöffneten Grenze erzählt hatte, sprachen sie mich öfter an. Auch mein Chef fragte: „Mensch Jutta, willste nicht in die SED eintreten?“

„Nee“, sagte ich.

Das Leben im Westen schien schöner

Wir verstanden uns prima. „Wissen Sie, was ich hier auch gar nicht gut finde?“, fragte ich. Dann erzählte ich von den Schwiegereltern, die uns immer mit einem schönen neuen Ford Taunus besuchen kamen, die uns Bilder von ihrer netten Wohnung und von ihren Urlauben zeigten. Die waren auch nur Arbeiter wie wir. Die Schwiegermutter schaffte im Vergoldungs-Handwerk, der Schwiegervater in einer Fabrik, die Ziffernblätter für Uhren herstellte. „Und was haben wir hier?“, fragte ich meinen Chef. „Ich verstehe das nicht.“ Wir gingen auch jeden Tag arbeiten, aber ein Auto konnten wir uns nicht leisten. Auch keine schöne Wohnung. Wir lebten in Ferch in einem Haus, das meiner Großmutter gehörte. Zum Urlaub durften wir nur in ganz wenige Länder reisen, wenn wir vorher etliche Anträge gestellt hatten. Für einen richtigen Urlaub mussten wir lange sparen. Im Sommer 1972 sollte es für zwei Wochen nach Bulgarien gehen, nach Albena an die Schwarzmeerküste.

Ein paar Monate vorher, im Frühjahr, kamen die Schwiegereltern mal wieder zu Besuch. Wir saßen beisammen, wieder flossen die Gedanken durcheinander. Klaus und ich erzählten vom Urlaub, den wir geplant hatten. Mein Schwiegervater erzählte von einem Bekannten, der aus Ungarn kam und in der Bundesrepublik lebte. Der könnte was organisieren, sagte er. Von Bulgarien aus sollte eine Flucht gelingen. Mein Mann war sofort begeistert. „Das ziehen wir durch“, sagte er. „Das klappt!“

Die Schwiegereltern fuhren wieder nach Hause. Wochenlang heckten sie einen Plan aus, sprachen mit diesem Bekannten, mit meiner Tante, die in Mannheim wohnte, und mit Günther, einem guten Freund meines Schwiegervaters. Einige Wochen vor unserem Urlaub besuchte uns meine Tante. Sie erklärte uns, was mein Schwiegervater vorhatte: Er würde mit Günther im Auto nach Bulgarien fahren; wir sollten uns dort von unserer Reisegruppe absetzen. Sie wollten uns dann rausholen. Als die Tante wieder abfuhr, nahm sie unsere Papiere mit, Zeugnisse, Bescheinigungen, Fotos. Sogar einige Kleidungsstücke und Bettwäsche, damit wir im Westen nicht bei null anfangen mussten.

Am 12. Juli 1972, einem Mittwoch, fuhr mein Mann nach der Arbeit nach Potsdam, um bei den Behörden unsere Urlaubsgenehmigung abzuholen. Wir hatten niemandem von unserem Fluchtvorhaben erzählt. Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns von meiner Mutter und meiner Oma, als würden wir zwei Wochen später braun gebrannt wiederkehren. Gegen Abend stiegen wir in den Bus zum Flughafen Berlin-Schönefeld. Mir war ganz mulmig zumute. Ich sah aus dem Fenster und sprach kaum mit Klaus. In Gedanken fragte ich mich, ob ich die vertrauten Straßen und Häuser, die Nachbarn, Freunde und Familie nun wirklich zum letzten Mal gesehen hatte.

Dann überkam mich die Angst. Ich wusste, dass wir im Knast landen, wenn sie uns an der Grenze aufgriffen. Das war einem Bekannten so ergangen, der auch flüchten wollte. Und aus dem West-Fernsehen war mir mittlerweile auch vieles bekannt über die Machenschaften der DDR und ihre Konsequenz, wenn jemand ausscherte.

Es gab kein Zurück mehr

Aber ein Zurück sollte es nicht mehr geben.

Am Flughafen in der Abfertigungshalle stellten wir uns in die Schlange am Schalter. Nach und nach wurden die Pässe der Leute kontrolliert. Einer nach dem anderen wurde durchgewunken. Als wir an der Reihe waren, befahl uns ein Mann in Uniform zur Seite. Wir hatten unsere Koffer auf zwei Tische zu stellen, dann musste Klaus meinen öffnen und ich seinen. Ich zitterte und der Schweiß brach mir aus. Die anderen Passagiere starrten uns an und ich sah meinem Mann zu, der meine BHs und Schlüpfer auspackte, damit der Uniformierte meine Sachen durchsuchen konnte.

’Jutta’, sagte mein Mann, ‚halt den Mund. Du machst es bloß schlimmer.’“

„Das ist ’ne Frechheit“, schimpfte ich. „Wir wollen in den Urlaub.“

„Jutta“, sagte mein Mann, „halt den Mund. Du machst es bloß schlimmer.“ Aber das konnte ich nicht. Ich fühlte mich mit dem Rücken zur Wand und die Angst schoss mir durch den Körper.

Dann fand dieser Uniformierte in meinem Koffer meinen Sozialversicherungsausweis. Ich hatte mir darauf noch vor der Flucht bestätigen lassen, wann ich wo gearbeitet hatte, weil ich von meiner Schwiegermutter wusste, dass sie damals im Westen Probleme hatte, ihre Rentenansprüchen geltend zu machen. Auf der Arbeit hatte ich gesagt, ich bräuchte das für die Versicherung, falls ich im Urlaub krank würde. Das sahen sie ein. Ich erklärte das dem Mann in Uniform noch mal genau so. Dann ließ er uns passieren.

Wir stiegen in die Maschine und flogen nach Bulgarien.

Als ich nach dem Mauerfall meine Stasi-Akte vorgelegt bekam, las ich, dass sie uns unsere Urlaubsgenehmigung eigentlich verweigern wollten. Seit unserem Urlaub in Karlsbad standen wir unter Beobachtung. Sie fürchteten, dass wir nun fliehen wollten. Mit Ausnahme des Sozialversicherungsausweises waren unsere Koffer wie die normaler Urlauber gepackt, mit ein paar kurzen Hosen und T-Shirts, Badesachen und Handtüchern. In Bulgarien waren wir in einem Hotel untergebracht, mit allen anderen, die dieselbe Reise gebucht hatten. Wir gingen jeden Tag an den Strand. Und manchmal wurden wir mit einem Bus zu Sehenswürdigkeiten gefahren. Einmal machten wir einen Ausflug auf eine Landzunge, wo wir Delfinen im Wasser zusahen. Jeden Abend wurde am Hotel für uns gegrillt.

Ein Prost auf die Flucht

Drei Tage vor unserem Ferienende kam mein Schwiegervater mit Günther in Albena an. Sie waren mit ihrem blauen Ford Taunus aus Pforzheim fast ohne Pause durchgefahren. Im Hotel erzählten wir, dass wir ein paar Leute kennengelernt hatten, die mit uns einen trinken gehen wollten – dann gingen wir hinaus und trafen unsere Fluchthelfer. Sie hätten eine Möglichkeit gefunden, sagte Günther, wo wir über die Grenze kommen könnten. Nicht weit vom Grenzübergang hätten sie ein Maisfeld gesehen und nirgends Zäune, nur Hunde, denen wir aus dem Weg gehen müssten. Wenn wir unentdeckt durch den Mais kämen, würden sie uns auf der jugoslawischen Seite einfach wieder einsammeln. Günther klang sehr optimistisch. Wir stießen an.

Tags darauf trafen wir uns alle am Strand. Wir badeten im warmen Wasser des Schwarzen Meeres und tankten noch ein wenig Kraft. Mein Schwiegervater sagte, wir sollten abends heimlich die Koffer aus dem Hotel bringen. Am nächsten Morgen wollte er aufbrechen. Wir waren sicher, dass uns niemand mit unseren Koffern gesehen hatte. Wir luden sie ins Auto und gingen zu Bett. Die Nacht war kurz und ich schlief sehr unruhig. Früh morgens gingen wir aus dem Hotel, stiegen in den Wagen und fuhren quer durch Bulgarien.

Es dämmerte, als wir uns dem Grenzgebiet näherten. Wir machten noch eine Pause und warteten auf die Dunkelheit. Dann nahmen wir die Straße, die nach Jugoslawien führte. Gute drei Kilometer vor den Schlagbäumen stoppte Günther den Wagen. Klaus und ich stiegen aus, huschten in den Wald und liefen den Hügel hinauf, weg von der Straße. Nach Mitternacht, so hatten wir es ausgemacht, wollten wir uns auf der anderen Seite wiedertreffen. Sie würden das Auto in einiger Entfernung der Grenze abstellen und wenn sie uns sahen, wollten sie dreimal die Lichthupe ziehen, damit wir sie erkannten.

„Da kommen wir nicht rüber“

Wir liefen den Hang mehrere hundert Meter hinauf, bis wir glaubten, weit genug vom kontrollierten Grenzübergang entfernt zu sein. Dann drehten wir und marschierten parallel zur Straße – bis sich vor uns meterhohes Gestrüpp auftürmte. Es war dicht über die mit Stacheldraht umwickelten Panzersperren gewachsen, die in den Waldboden eingelassen waren.

„Da kommen wir nicht rüber“, sagte ich zu meinem Mann. Er zog mich hinter sich her und wir gingen dieses Hindernis ab. Aber nirgends tat sich eine Lücke auf und nirgends wurde es niedriger.

„Weißte was“, sagte Klaus, „wir sammeln jetzt dicke und lange Äste. Damit drücken wir das runter.“

Es war eine sehr heiße Nacht. Die Luft war drückend feucht. Der Schweiß rann mir über den Körper. Das Holz zu sammeln war anstrengend und dauerte eine Ewigkeit. Aber ich war zäh. Meine Großmutter hatte zu Hause in Ferch eine Landwirtschaft und einige Häuser, die sie im Sommer an die Feriengäste vermietete. Ich half auf den Feldern, beim Bettenmachen, beim Wäschewaschen, und beim Aufhängen danach kämpfte ich mit den großen Laken. In den Herbstferien hatten wir zwar schulfrei, aber dafür wurden wir zum Kartoffeleinsatz eingeteilt. Mit der ganzen Klasse schliefen wir irgendwo in einer Schule und wurden tagsüber auf die Felder gefahren, um Kartoffeln zu sammeln. Das Landleben hatte mich abgehärtet. Und im Schulsport war ich immer die Beste im Rennen und Springen.

Es kostete uns viel Zeit, aber irgendwann hatten wir mit vielen Hölzern einen Steg über die zugewucherten Panzersperren gelegt. Klaus schob mich hinauf. „Los“, sagte er, „jetzt springst du da rüber!“ Er stieg mir nach und riss sich die Beine am Stacheldraht und an den Dornen auf.

Bald danach tat sich der Wald auf wir standen im Vollmond auf einer Wiese. Wir schlichen weiter, immer im Schatten des Waldrands. Und irgendwann sahen wir unten im Tal die hell ausgeleuchtete Grenzstation. Wir waren weit genug weg, als dass uns jemand von dort sehen konnte. Und dass wir richtig waren, wussten wir nun auch. Von der Grenzstation zog sich ein Sandstreifen den Hang hinauf, der hier oben noch immer wie frisch geharkt aussah. Wie in der DDR, sagte Klaus. Da war er ja schon einmal am Grenzstreifen gewesen, als er durch den Teltowkanal wollte. „Da können Minen drin sein“, sagte er, „aber wir müssen darüber weg.“ Er suchte sich einige Steine und warf sie in den Sand. „Da müssen wir hintreten.“

„’Weiter!’, trieb mich Klaus an.“

Ich dachte gar nicht mehr nach, machte nur noch, was Klaus mir sagte. Wir hasteten weiter durch den Wald und über die Wiesen und ich spürte die Erschöpfung. „Weiter!“, trieb mich Klaus an und wir rannten wieder durch einen Wald, bis auf einen Grasstreifen, der bis hinunter zur Grenzstation führte.

Ich stolperte.

Über das Gras waren Drähte gespannt. „Jutta“, sagte mein Mann, „das sind Signaldrähte!“ Unten an der Grenzstation leuchteten Scheinwerfer auf. Dann hörten wir das Gebell von Hunden. Wir rannten und rannten, bis ich keine Luft mehr bekam. Ein Maisfeld. Wahrscheinlich waren wir schon über der Grenze, aber sicher waren wir uns nicht. Wir eilten auch noch durch das Feld bis hinunter zur Straße und schlugen uns in die Böschung, um uns ein wenig zu sammeln. Hatten wir es geschafft? Die Hunde hörten wir nicht mehr.

Nach ein paar Minuten rafften wir uns auf und folgten der Straße, weg von der Grenze. Wir suchten den Ford, gingen immer wieder auf und ab. Einen Kilometer hin und einen Kilometer zurück. Der Ford war nicht da.

Einmal blinkte ein Auto in der Nähe. Ich versteckte mich und Klaus ging näher. Es war nicht der richtige Wagen.

Das Fluchtauto war nicht zu finden

Ich war völlig am Ende. Klaus suchte mir ein Versteck hinter einem Gebüsch, wo ich mich hinlegen konnte. Er suchte weiter. Ich schlief ein wenig, aber meine Sinne blieben wach. Klaus kam irgendwann wieder. Er hatte niemanden gesehen.

Ich sagte: „Wir laufen jetzt einfach weiter.“ Was sollten wir sonst machen? Es dämmerte, als uns Radfahrer entgegenkamen. Sie sahen uns fragend an, sagten aber nichts. Ich schlug meinem Mann vor, ein Auto anzuhalten. Wir mussten ja irgendwie weiterkommen. Wenigstens bis in die nächste Stadt. Und wir hatten nicht einmal Geld dabei.

„Nein, das machen wir nicht“, sagte Klaus. Es wäre viel zu riskant. „Doch, das machen wir“, konterte ich. Ich war runter mit den Nerven. Wir stritten uns beinahe. Und dann blieb ich stehen und sagte: „Ich mache das jetzt!“

Und das nächste Auto, das kam, war der blaue Ford Taunus. Günther und meinen Schwiegervater erkannte ich schon von Weitem durch die Scheibe. Es konnte nicht wahr sein! Aber sie waren es tatsächlich.

Wir sprachen nicht viel. Wir waren viel zu erschöpft, um uns zu freuen. Wir stiegen hinten ein und die beiden Männer vorne kutschierten uns den ganzen Tag lang quer durch Jugoslawien. Nur einmal machten wir eine Rast. Der Bekannte meines Schwiegervaters hatte irgendwo auf dem Weg Freunde, bei denen wir uns ein Weilchen ausruhten. Aber es hielt uns nicht lange. Wir wollten es hinter uns bringen.

Im Kofferraum in den Westen

Hinter Maribor, sagte Günther, müssten wir durch die Drau über die Grenze nach Österreich schwimmen. Er wollte mit uns kommen, während der Schwiegervater das Auto fahren sollte.

Und dann standen wir vor diesem Fluss. Ich war in Ferch häufig im Schwielowsee geschwommen, manchmal ganz rüber bis auf die andere Seite. Aber das hier war etwas anderes, viel größer als zu Hause die Havel oder die Spree. Und reißend. „Diese Strömung“, sagte ich. „Wie soll ich das schaffen?“ Ich war sicher, dass ich es nicht auf die andere Seite schaffte.

„Dann bleibt uns nur der Kofferraum“, sagte Günther.

Wir legten uns eng hinter die Rückbank. Klaus stapelte das Gepäck über uns, sodass wir nicht zu sehen waren, wenn die Kofferraumklappe offen stand. Wir hörten dahinten nichts, nur ganz leise, wie die Reifen über den Asphalt liefen und dass wir anhielten. Wir musste an der Grenze angekommen sein. Aber die Stimmen der Grenzer drangen nicht bis zu uns durch. Ich wartete, dass wir weiterfuhren, aber wir standen schier endlos. Und dann, endlich, rollten wir an.

Ein paar Minuten später stoppten wir wieder. Die Männer stiegen aus und öffneten uns den Kofferraum. Wir waren in Österreich! An einer Raststätte kaufte Günther eine Kleinigkeit zu essen und etwas zu trinken. Er erzählte, wie die Grenzer sich Sorgen um das Auto gemacht hatten, weil es hinten so durchhing. Sie vermuteten gar einen Achsbruch. Aber als ihr Kollege mit den Ausweisen zurück zum Auto kam, winkten sie uns durch. Ich betrachtete die Reklame, die überall hing. Sie war so, wie ich sie seit meiner Kindheit im Kopf hatte, damals als ich vor dem Mauerbau in Berlin mit meiner Mutter noch regelmäßig mit der S-Bahn nach West-Berlin fuhr und dort Körbe voll Obst aus Ferch verkaufte.

„Wir mussten da was erledigen.“

Wir machten uns wieder auf den Weg und als wir nach Westdeutschland einreisten, fiel die Anspannung von uns ab. In Pforzheim fuhren wir direkt zur Arbeit meiner Schwiegermutter. Sie hatte das Auto vorfahren sehen und stürmte uns entgegen. Sie zitterte am ganzen Körper. „Das kann nicht sein“, stammelte sie, „das kann nicht sein.“ Ich sah ihr an, wie glücklich sie war, als sie ihren Sohn Klaus in die Arme schloss.

Im Haus der Schwiegereltern war das Essen schon vorbereitet. Günther blieb, er rief seine Frau dazu. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wo er die vergangenen Tage verbracht hatte. Und sie war ziemlich sauer, als sie erfuhr, was geschehen war.

„Ich war mit dem Franz weg“, meinte Günther nur. „Wir mussten da was erledigen.“

Jutta Tittel, Jahrgang 1949, wuchs in Ferch auf, einem Dorf am südlichen Ende des Schwielowsees. Nach ihrer Flucht lebte sie in Baden, machte eine Lehre zur Bürokauffrau und führte später in Remchingen eine Gastwirtschaft. Vor einigen Jahren kehrte sie nach Ferch zurück. Ihr Mann Klaus erlag 2009 seinem Krebsleiden.